Protest als Schule der Demokratie

DSC_7719Ist Dresden sein Problem mit Neo­nazis los? Ihren Großaufmarsch, am 18. Februar haben sie zumindest abgesagt. Die Blockaden der vergangenen Jahre haben Wirkung gezeigt, sagen einige. Manches scheint dafür zu sprechen. Die Frustration unter den verhinderten Neonazi-Demonstranten jedenfalls war 2010 und 2011 nicht zu übersehen. In Jena hatten Sitzblockaden schon vor Jahren den braunen Spuk beendet.

Ist eine demokratisch fragwürdige Methode also die einzig wirksame gegen Demokratiefeinde?

Nein. Entscheidend ist nicht diese oder jene Art des Protestes, sondern dessen breite Basis. Wer sich symbolisch in eine Menschenkette einreiht, ist ebenso wichtig wie jemand, der sich auf die Straße setzt. Denn beide haben begriffen, dass sie die Lösung nicht Verwaltung, Gerichten und Polizei überlassen können, sondern sich selbst aufmachen müssen.

Auch wenn sich am 18. Februar in Dresden kein einziger Neonazi blicken lassen sollte, in der Vorbereitung haben alle Beteiligten mehr über Demokratie gelernt als in den Jahren zuvor. Zum Beispiel, dass Widerstand gegen Rechtsextremisten anstrengende Diskussion braucht, aber nicht Sturheit. Dass Kompromisse nötig sind, weil erst der Konsens die gewünschte politische Wirkung entfaltet.

Noch ist es für Triumph zu früh. Das Fatalste wäre es, erleichtert daheim die Füße hochzulegen. Vielleicht hat Dresden nun erstmals die Chance, Trauer und Gedenken in ein Freudenfest der Demokratie münden zu lassen.

Geschafft wäre es damit noch längst nicht. Große Neonaziaufmärsche lassen sich verdrängen. Rechtsextremes Denken aber ist damit nicht aus der Welt. Um Menschen dagegen zu immunisieren, braucht es geduldige, unspektakuläre Kleinarbeit.

Tomas Gärtner

⇒ DER SONNTAG [Sachsen]