Gott und der Schlüssel der Sprache

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Heute, wenn ihr seine Stimme hören werdet, so verstockt eure Herzen nicht.
Hebräerbrief Kapitel 3, Vers 15

Täuschen Sie sich nicht, der Mensch ist ein auditives Wesen«, sagte mir einst ein Pädagoge, als ich Zweifel hegte am vielen Reden in der Kirche. Sicher hat er recht, denn Gehörtes sitzt fester in der Erinnerung als Gelesenes oder Geschautes. Auch ist das Gehör jener Sinn, welcher zuallerletzt erlischt. Manch Kranker, der aus tiefer Bewusstlosigkeit erwachte, wusste, was um ihn gesprochen wurde.

Ulrich Seidel ist Pfarrer in Brandis. Foto: Archiv

Ulrich Seidel ist Pfarrer in Brandis. Foto: Archiv

Ich erinnere mich nicht nur einmal, dass scheinbar nicht ansprechbare Patienten auf gehörte Psalmworte körperlich reagierten.

Sprachen sind codierte akustische Zeichen und einzigartig auf Kommunikation ausgerichtet. Doch wir könnten nicht sprechen, hätten wir keinen Kehlkopf, der die Stimme hervorbringt. Diese kann unendlich modulieren vom zartesten Raunen bis zum höchsten Gesang.

Das Gehör kann enorm differenzieren: Vokabular, Tonfall, Dialekte oder Untertöne. Wir erkennen Menschen an ihren Stimmen.

»Heute, wenn ihr seine Stimme hört …«.

Was von Jesus geblieben ist, sind Zeilen auf totem Papier, eine Art Konserve. Erst Jahrzehnte nachdem er redete, wurden seine Worte aufgeschrieben in einer Sprache, die er nie gesprochen hat.

Wie mag es sich angehört und angefühlt haben: »Selig, ihr Armen, das Reich Gottes ist euer« oder: »Dein Glaube hat dir geholfen«, als diese Worte einst erklangen und in Galiläa in die Seelen der Hörer und Hörerinnen fielen?

»Verstockt eure Herzen nicht …« will doch sagen, dass Gott im Innersten vernehmbar ist und uns über den Schlüssel unserer Sprache erreichen kann, Offenheit vorausgesetzt.

Nur dass sich das jeder – auch kirchlichen – Kontrolle entzieht. Aber damit müssen wir leben.

Ulrich Seidel

⇒ DER SONNTAG [Sachsen]