Hoffnung für Osteuropa: Rechnen statt betteln

Kirchenbänke dienen als Schreibunterlage und Sitzgelegenheit, wenn die Roma-Kinder ihre Hausaufgaben in den Räumen der Roma-Kirchen von Săcele und Budila machen. (Foto: Matthias Netwall)

Kirchenbänke dienen als Schreibunterlage und Sitzgelegenheit, wenn die Roma-Kinder ihre Hausaufgaben in den Räumen der Roma-Kirchen von Săcele und Budila machen. (Foto: Matthias Netwall)

Mit den Spenden der Aktion »Hoffnung für Osteuropa« erhalten Roma-Kinder Hausaufgabenhilfe. Denn Bildung ist der Schlüssel zu einem besseren Leben.
 

Heute sind Gleichungen mit einer Unbekannten dran. Doch die junge Frau, die zwischen den Reihen hin und her geht und die Fragen der Kinder beantwortet, ist keine Lehrerin, und die Kinder sind auch nicht in der Schule. Es ist Hausaufgabenzeit im Gemeindehaus der Roma-Kirche im rumänischen Săcele. Was die Kinder noch erreichen wollen, hat die junge Frau schon: einen Schulabschluss. Das ist für Roma-Kinder nicht selbstverständlich. Deshalb holt die Kirchgemeinde sie von der Straße. Und der Verein »Projekt Leben« aus dem sächsischen Lauterbach bei Stolpen bezahlt die Helferinnen – seit einem Jahr mit Hilfe der Aktion »Hoffnung für Osteuropa«.

Die 1994 ins Leben gerufene Spendenaktion wurde bis 2010 vom Diakonischen Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) verantwortet. Seit 2011 ist es eine Aktion der einzelnen Landeskirchen. »Und das ist gut so«, sagt Oberkirchenrat Friedemann Oehme, Ökumenreferent im Landeskirchenamt in Dresden. »Denn die Beziehungen nach Osteuropa sind vor allem in den Kirchgemeinden beheimatet.«

Aktionszeitraum für die Spendensammlung ist in jedem Jahr die Passionszeit. Spendenzweck in Sachsen ist für zwei Jahre die Hausaufgabenhilfe in der Roma-Kirche.

Hier engagiert sich seit 1999 der Verein »Projekt Leben«. »Wir haben in den 90er Jahren Jugendfreizeiten über den Jugendverband Entschieden für Christus (EC) in Rumänien veranstaltet. Das hat viele so bewegt, dass sie etwas für die Menschen dort tun wollten«, erzählt Matthias Netwall, der Geschäftsführer des Vereins.

In dieser Zeit sei die Roma-Kirche gewachsen – von 120 auf heute 750 Gemeinden. »Deren Mitarbeiter gehen in die Siedlungen der Roma«, so Netwall. »Und wenn es der Pascha genehmigt, predigen sie dort.« Und immer wieder würden danach Menschen Christen. »Wer dann zu einer Gemeinde gehört, trinkt keinen Alkohol und raucht nicht mehr«, erzählt Netwall. Denn schon wer eine Schachtel Zigaretten am Tag rauche, ruiniere damit seine Familie. Die Lebensmittelpreise seien wie in Deutschland, doch die Sozialhilfe betrage nur 28 Euro.

Matthias Netwall hat bei seinen Besuchen das Leben der Roma kennengelernt. Auch die eingangs geschilderte Situation ist bei einem dieser Besuche auf Video gebannt worden. »Das Leben der Menschen dort hat mich sehr verändert«, bekennt er. »Wie sie es schaffen zu überleben, das würden wir gar nicht können.« Dabei habe sich die Situation seit 2007, als Rumänien zur EU kam, sehr verändert.

»Die Schere zwischen Arm und Reich ist noch mehr auseinander gegangen.« Die Roma trifft es besonders hart. Ihre eigene Kirche versucht zu helfen – mit Unterstützung aus Deutschland. Im Jahr 2000 wurde in Sachsen das Jugenddankopfer für den Bau eines Gemeindehauses in Sacele gesammelt. Zur gleichen Zeit gab es schon einmal eine Initiative zur Hausaufgabenhilfe.

»Die Kirchen hatten mitbekommen, dass viele Eltern ihre Kinder zum Betteln schicken statt in die Schule«, berichtet Matthias Netwall. Da boten die Gemeinden ihre wenigen Räume an, damit Kinder dort ihre Hausaufgaben machen konnten. Bis zu 200 Kinder kamen. Doch das ging nicht lange gut. Die ehrenamtlichen »Lehrerinnen« mussten selbst irgendwie Geld verdienen und sich anere Arbeit suchen.

Erst mit Hilfe der Spendenaktion »Hoffnung für Osteuropa« konnte 2011 ein neuer Anfang gewagt werden. Über 20.000 Euro kamen bisher zusammen. Ab Sonntag wird wieder zu Spenden aufgerufen. Denn das ist neu, dass ein Projekt über zwei Jahre gefördert wird.

Doch dem Trägerverein ist Nachhaltigkeit wichtig. »In der Zwischenzeit versuchen wir, Spender zu gewinnen, dass es weiterlaufen und auch auf andere Orte ausgedehnt werden kann«, so Matthias Netwall. Denn nachhaltig sei es schon, wenn die Kinder zwei Jahre unterstützt und gefördert werden. »Dann trauen sie sich schon aufs Lyzeum – so heißt in Rumänien das Gymnasium.« Und dann brauchen sie vielleicht eine Bildungspatenschaft (s. unten).

Christine Reuther

»Hoffnung für Osteuropa«, Konto 100 100 400 der Diakonie Sachsen
bei der LKG Sachsen – Bank für Kirche und Diakonie, BLZ 350 601 90.

Der Verein »Projekt Leben«

Der Verein hat deutschlandweit 39 Mitglieder. Er unterstützt die evangelische Roma-Kirche in Rumänien durch:

Frauenseminare: Romafrauen werden zu Gesundheitshelferinnen ausgebildet. Dazu gehört Wissen über Hygiene, Heilkräuter, Kneippsche Güsse und natürliche Familienplanung.

Theologische Seminare: Dabei werden kirchliche Mitarbeiter geschult. Diese Ausbildung wird auch von der sächsischen Landeskirche unterstützt. Besonders geht es den Roma-Kirchen-Mitarbeitern, die alle ohne Anstellung tätig sind, um Wissen über die lutherische Theologie.

Bildungspatenschaften: Das sind 25 Euro pro Schüler oder 60 Euro pro Student. Damit können die jungen Roma vor allem ihr Fahrgeld und ihre Studentenwohnung bezahlen. 42 solcher Patenschaften gibt es schon. Etwa 20 junge Leute warten noch darauf.

Hausaufgabenhilfe: Mit Spenden der Aktion »Hoffnung für Ost­europa« werden Kinder von der Straße geholt und nachmittags bei den Schul­arbeiten unterstützt.

Kontakt: Projekt Leben e. V.,
Dorfstraße 110, 01833 Stolpen, OT Lauterbach,
Telefon (03 59 73) 2 94 78.

www.projektleben.org

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