Schuldig unschuldig

urteil

Am Aschermittwoch beginnt die Fastenzeit – Zeit zur Umkehr. Doch es gibt Menschen, die schreckliches getan haben und dennoch vor Gericht als schuld­unfähig gelten. Schwer zu verstehen für ihre Opfer.
 

Wenn in Großschweidnitz, einem kleinen Dorf südlich von Löbau, Gottesdienst gefeiert wird, dann sitzen sie manchmal ganz dicht beieinander: Kranke und Gesunde, Straftäter und freie Menschen. Die einzige Kirche des Ortes ist zugleich Kirche einer psychiatrischen Klinik, in der auch straftätig gewordene Menschen behandelt werden.

Irgendwann wird vor dem Altar eine Kerze angezündet. Einzelne treten nach vorn und beten in der Stille; sie halten Fürbitte. Manche dieser Menschen gehören zu den Straftätern der Klinik. Vielleicht beten sie für jene, denen sie Unrecht angetan haben, die sie gequält oder gar getötet haben. Doch weil sie unter dem Einfluss von Alkohol oder Drogen standen, haben Gerichte sie für vermindert schuldfähig erklärt und nach Großschweidnitz geschickt. Sie sprechen dort mit Psychologen, sie schreiben Briefe an ihre Opfer. Einmal im Monat lädt der Klinikseelsorger Peter Pertzsch die Patienten der geschlossenen Abteilung innerhalb der Klinik zu einer Andacht ein.

Schuldunfähig. Für die Opfer von Straftaten und ihre Angehörigen, besonders häufig aber auch für die Öffentlichkeit, die Kriminalität nur aus den Medien kennt, ist es oft unverständlich, warum jemand seiner gerechten Strafe entgehen soll und in einem Krankenhaus auf Staatskosten untergebracht wird.

Für Stephan Sutarski, forensischer Psychiater und gerichtlicher Gutachter aus Dresden, ist die verminderte Schuldfähigkeit oder gar Schuldunfähigkeit jedoch Folge einer nach »knallharten« Kriterien diagnostizierten Erkrankung, etwa einer Depression, einer Schizophrenie oder einer Alkohol- oder Medikamentensucht: »Wer im Wahn oder im Rausch handelt, ist nicht fähig, sein Handeln nach moralischen Maßstäben zu steuern und sich schuldig zu machen.« Selbst wenn er weiß, dass seine Tat geltendem Recht widerspricht.

Doch ein Schuldunfähigkeitsurteil ist kein Freispruch. Schnell wird vergessen, dass die nachfolgende Unterbringung in einer geschlossenen Anstalt oft ein ganzes Leben andauert, während bei einer lebenslänglichen Haftstrafe bereits nach 15 Jahren gute Chancen auf Entlassung bestehen.

Für die suchtkranken Patienten im Großschweidnitzer Maßregelvollzug ist zwar die Therapiedauer auf ­höchstens zwei Jahre festgelegt – die Angst davor, für immer »weggesperrt« zu ein, treibt manche dennoch um, wie Seelsorger Pertzsch berichtet: »Die Leute kommen zu mir, weil sie wissen, dass sie mir alles erzählen können.« Die Straftaten der Patienten bewertet Pertzsch nicht, die Gespräche drehen sich eher um »Vor-Ort-Befindlichkeiten«. Manchmal, ganz vorsichtig, bietet Pertzsch auch ein Gebet oder einen Segen an. Die Einladung zum Gitarrenunterricht kommt meist besser an.

Schwierig wäre es, müsste Pertzsch neben den Tätern auch die Opfer in seine Seelsorgearbeit einbeziehen. Er kann ihre Wut, ihre Ohnmacht verstehen. Und dennoch glaubt er, dass der Wunsch nach Vergeltung nur kurzzeitig entlastet, während Vergebung langfristig frei machen könne: »Vergebung bedeutet nicht, dass ich die Tat des anderen vergesse, sondern dass ich lerne, das Geschehene loszulassen und nach vorn zu schauen.«

Ähnlich formuliert es der Leipziger Theologieprofessor Rochus Leonhardt: »Kein Christ muss ein schlechtes Gewissen haben, wenn er eine Straftat nicht vergeben kann.« Es gehe darum, Vertrauen in die Urteilsfähigkeit Gottes zu haben und keine Selbstjustiz zu üben.

Im Römerbrief steht: »Rächt euch niemals selbst, sondern überlasst die Rache dem Zorn Gottes.« Gott wird auch die Frage der Schuldfähigkeit richtig einzuschätzen wissen.

Friederike Michalek

⇒ DER SONNTAG [Sachsen]