Oma kommt nicht ins Heim

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Ein junger Mann geht einen ungewöhnlichen Schritt: Er pflegt seine Großmutter – ganztags. Das neue Pflegezeitgesetz hilft ihm nicht.
 

Martin Raschke* wirkt übernächtig. »Heute Nacht wurde ich alle zwei Stunden geweckt«, sagt der 30-Jährige. Man könnte meinen, ein junger Vater spricht über sein unruhiges Neugeborenes. Doch Martin pflegt seine Großmutter, Dora Neubauer. Seit ihrem Schlaganfall im Oktober ist sie halbseitig gelähmt und vollständig auf Hilfe angewiesen.

»Das war ein Schock und eine große Umstellung für uns alle«, sagt Martin Raschke. Drei Generationen wohnen im Haus der Raschkes unweit der Leipziger Paul-Gerhardt-Kirche, zu deren Gemeinde sie gehören. Die 92-jährige Großmutter im ersten Stock. Daneben Martins Eltern, die Schwester im Erdgeschoss. Auch Martin ist wieder die meiste Zeit im Haus, als guter Engel in Großmutters Wohnung. »Die Oma in ein Pflegeheim zu geben, kam für uns zu keinem Zeitpunkt in Frage«, erklärt er. Als Altenpfleger ist Raschke ernüchtert vom Alltag in den Heimen.

Stattdessen ist er eingesprungen. Für ein halbes Jahr nimmt er unbezahlten Sonderurlaub.

Seither gibt es für Martin kaum mehr Feierabende. »Einen Angehörigen zu pflegen ist mehr als ein Vollzeitjob«, sagt er. Er bereitet und reicht der Großmutter das Frühstück, hebt sie vom Bett zum Sessel, kocht das Mittagessen, führt zur Toilette, organisiert Arzttermine, fährt sie im Rollstuhl aus.

Entgegen aller Prognosen hat sich Dora Neubauers Zustand sehr verbessert. Familie Raschke weiß um Gottes Fügungen und Führungen.

Martin scheint dafür viel vom eigenen Leben zu opfern. Doch davon will er nichts wissen. »Für mich ist das selbstverständlich«, sagt er. »Das hat etwas mit Achtung vor den Älteren zu tun.« Er spricht davon, etwas zurückzugeben, das er einst empfangen hat. »Meine Oma stand Tag für Tag am Herd und hat mir Mittagessen gekocht«, erinnert er sich lächelnd. Nun kocht er für die Oma. Ein Geben und Nehmen zwischen den Generationen.

Raschkes sind dabei keine Ausnahme. Rund Dreiviertel der 2,2 Millionen Pflegebedürftigen in Deutschland werden zu Hause versorgt. Dieser Einsatz hat seinen Preis. Mehrere Studien zeigen, dass pflegende Angehörige eher chronisch erkranken und unter Depressionen leiden. Zudem stellt sich das Problem, wie Beruf und Pflege vereinbart werden können.

Dem will nun das neue Pflegezeitgesetz abhelfen. Angehörige dürfen seit 2012 ihre Arbeitszeit für die Pflege reduzieren – allerdings verlieren sie damit auch einen Teil ihres Lohnes und müssen den Rest später wieder hereinarbeiten. »Dieses Gesetz nützt uns in unserer Situation nichts«, klagt Martin Raschke. Die Gehaltseinbußen seien zu hoch. Außerdem würden dem Pflegenden letztlich Schulden aufgebürdet. Eine nicht geringe Belastung, findet er.

Die Raschkes versuchen, sich gegenseitig zu helfen. Martins Mutter übernimmt Nachtwachen, auch seine Schwester ist unterstützend zur Stelle. »Ganz allein ist die Pflege zu Hause nicht zu stemmen«, sagt Martin. Die Spaziergänge mit seinem Hund nutzt er ganz bewusst als Zeit für sich. Auch ist er nicht gänzlich eingezogen in Großmutters Wohnung. Zu diesem inneren und äußeren Abstand raten immer wieder die Experten.

Eines steht für Martin trotz aller Belastung fest: Er ist dankbar für die Zeit, die er noch mit seiner Oma verbringen darf. »Fast jeden Tag höre ich eine Geschichte aus ihrem langen Leben«, berichtet er. Und auch Dora Neubauer ist froh über ihren rührigen Enkel. »Es ist einfach schön, den Lebensweg mit seinen Lieben auch am Ende gemeinsam zu gehen«, sagt sie.

Die Funkklingel in Martins Hand piept. Es ist kurz nach 20 Uhr. Martin lächelt. »Jetzt möchte sie nochmal auf die Toilette, damit sie den Abendfilm durchhält. Das hat sie mir versprochen.« Auf den Film mit seiner Oma freut er sich schon den ganzen Tag.

Stefan Seidel

*Alle Namen von der Redaktion geändert

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