Alles gut in Griechenland?

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Europas Regierungen überlegen, wie sie Griechenland aus der Krise helfen können. Unsere Autorin schildert, wie sie den Alltag dort erlebt.

Als ich neu in Griechenland war, freute ich mich sehr über die Frage: »Ti kánis?« – »Wie geht es dir?«, die jeder Begrüßung voranging. Im Sprachunterricht lernte ich dann, dass es nur eine Floskel sei, auf die man rasch und mit einem Lächeln: »Kalá, kalá!« – »Gut, gut!« zu antworten habe. Aber auch nach anderthalb Jahren fällt es mir immer noch schwer, diese Frage nicht ernst zu nehmen. Ich empfinde sie nämlich nicht nur als ein harmloses Sprachelement.

Für mich macht sie manches sichtbar, was zu den Grundproblemen Griechenlands gehört. So ist es nicht gesellschaftsfähig, Defizite zu benennen und öffentlich zu diskutieren.

Sinnvolle Regeln werden als Bevormundung abgelehnt; ein Indiz dafür sind unkenntlich gemachte Verkehrsschilder und übersprühte Verbotstafeln.

Und was man noch irgendwie verdrängen kann, das muss man auch nicht zur Kenntnis nehmen. So kam ich nach dem Gottesdienst durch eine Straße voller wütender Demon­stranten, die bewaffneten Polizisten brüllend gegenüberstanden – und nur eine Straße weiter saßen Menschen in Tavernen und Cafés und tranken fröhlich plaudernd ihren Frappé.

Dass es vielen Menschen hierzulande gar nicht gut geht, sehe ich an der Zunahme von alten und behinderten Bettlern in den Geschäftsstraßen, an den Flüchtlingen, die das Straßenbild mitprägen und an den unzähligen Schildern »zu verkaufen« an Autos, Geschäften, Wohnungen und Häusern.

Wer kann, verlässt das Land. 2012 rechnet der Staat angeblich mit 80.000 Ausreisenden. Die Selbstmord­rate ist angestiegen. Auch in unseren Diasporagruppen der »Evangelischen Kirche deutscher Sprache Thessaloniki« gibt es Menschen, die sich kein Heizöl mehr leisten können oder nach dem Gottesdienst eine Tüte mit Lebensmitteln erhoffen. Dass Mülltonnen durchwühlt werden auf der Suche nach Ess- und Brauchbarem, ist keine Ausnahme mehr.

Die angekündigte dramatische Kürzung der Gehälter wird vor allem die Geringverdiener schwer treffen.

Kürzlich überraschte mich jemand mit einer Steigerung der »Wie-geht’s-Frage«. Da wurde mir nämlich munter entgegengerufen: »Alles gut?« Ich dachte, ich habe mich verhört.

Nein, natürlich ist nicht alles gut!

Gar nichts ist gut, so lange meine Schwester schwer krank im Bett liegt, Menschen in meiner Umgebung an Krebs sterben, begabte Fachleute ihre Arbeit verlieren, Betrüger durch Korruption zu Geld kommen und Leute voller Angst dem nächsten Tag entgegenzittern.

Es ist nicht alles gut – in diesem Land nicht und auf der weiten Welt nicht. Gerne würde ich eine neue Begrüßungsfrage einführen, nämlich: »Was ist gut?«

Gestern erzählte mir eine Frau, dass ihre griechischen Verwandten regelrecht mit den Fernsehnachrichten leben, pausenlos auf die Schreckensbotschaften vom Bildschirm hören und immer mutloser werden. Wir waren uns einig, dass es nicht Gottes Wille für uns sein kann, resigniert durch den schwierigen Alltag zu gehen. »Ich danke Gott«, so sagte die Frau, »sobald ich aufgestanden bin, denn er hat meinen Tag in der Hand. Ich lasse mich nicht dauerhaft herunterziehen von dem, was offensichtlich schief läuft im Land. Abends bitte ich ihn um Hilfe und Kraft.« Ist das nicht zu einfach gedacht? »Nein«, sagte sie, »denn wir werden die Krise nur überstehen, wenn sich die Menschen wieder auf Gott besinnen und beginnen, nach seinen Geboten zu leben.«

Wir haben dann angefangen, einander solche winzigen Hoffnungslichter aufzuzählen. Da war unser ökumenischer Neujahrsgottesdienst, zu dem Flüchtlinge eingeladen waren, die für hundert Leute gekocht haben. Ich dachte an meine Nachbarin, die mir von ihrer frischen Pita eine Kostprobe bringt. Der Bettler mit den deformierten Beinen freut sich über Schokolade von mir. Einer Frau, für die ich gebetet habe, geht es besser. In unsere Wohnung war während unserer Abwesenheit niemand eingebrochen. Wir konnten Heizöl kaufen.

Wenn wir wieder anfangen würden, uns zu erzählen, was gut ist in unserem Alltag, dann würde auch eine neue Dankbarkeit wachsen. Und wo Dankbarkeit ist, geschieht allmählich Veränderung. Dankbar zu sein, das kann inmitten einer Krise ein Opfer bedeuten.

In Anbetracht der Verheißung, dass im Dankopfer der Weg zum Heil Gottes begründet ist, erscheint mir das eine durchaus hoffnungsvolle Ausgangsbasis zu sein.

Caritas Führer

Caritas Führer lebt mit ihrem Mann, dem früheren Annaberger Superintendent Klaus-Michael Führer, in Thessaloniki.

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