Grußwort des sächsischen Ministerpräsidenten Stanislaw Tillich zur Eröffnung der Woche der Brüderlichkeit, Gewandhaus Leipzig, 11. März 2012

Sehr geehrter Herr Dr. Brandt, als Präsident des Koordinierungsrates begrüße ich Sie herzlich und schließe dabei alle mit ein, die für die heutige Festveranstaltung Verantwortung tragen.
Ich begrüße weiterhin den Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Herrn Dr. Graumann sowie den Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Herrn Mazyek.
Mein Gruß auch an den Ratsvorsitzenden der EKD, Herrn Präses Nikolaus Schneider. Ich darf an dieser Stelle bereits meine Freude darüber ausdrücken, dass Sie, Herr Präses, heute mit der Buber-Rosenzweig-Medaille geehrt werden.
Ich begrüße ebenso Herrn Bischof Mussinghoff sowie alle Vertreter der Kirchen und Religionsgemeinschaften.
Mein Gruß gilt darüber hinaus den Damen und Herrn Abgeordneten sowie dem Oberbürgermeister der Stadt Leipzig, Herrn Jung und Herrn Prof. Scholz als Hausherren.
Sehen Sie mir bitte nach, wenn ich nicht die gesamte Vielfalt der heute hier anwesenden Gäste namentlich begrüßen kann. Doch seien Sie gewiss, dass es mir eine Freude ist, Sie alle hier als sächsischer Ministerpräsident in Leipzig herzlich willkommen zu heißen.

Es ist eine Ehre und Freude, dass die Woche der Brüderlichkeit im 60. Jubiläumsjahr ihren Auftakt in Leipzig hat. In Sachsen ist die jüdisch-christliche Zusammenarbeit noch nicht annähernd so alt. Sie begann in den 70er und 80er Jahren vor allem in Leipzig und Dresden.
So mancher erinnert sich noch an den beeindruckenden Bußgottesdienst in der Kathedrale in Dresden im November 1988. Anlass war der 50. Jahrestag der Reichspogromnacht. Der katholische Bischof leitete die Liturgie, der lutherische Landesbischof predigte, und ein Vertreter der jüdischen Gemeinde hielt eine Ansprache.

Brüderlichkeit, Respekt, Toleranz, der Dialog der Religionen und Konfessionen – all das hat in Sachsen eine lange Geschichte.
Beispielhaft steht dafür Gotthold Ephraim Lessing. Geboren in Kamenz in der Oberlausitz, war er geprägt vom friedlichen Zusammenleben von Lutheranern und Katholiken. Genauso wie von seiner Freundschaft wie Moses Mendelsohn, dem großen jüdischen Philosophen der Aufklärung. Lessing hat dieser gelebten Toleranz, dem Respekt im Umgang miteinander, in seinem Stück „Nathan der Weise“ mit der Ringparabel ein Denkmal gesetzt.

Wir stehen heute in dieser Tradition. Die Zusammenarbeit zwischen Christen und Juden ist enger denn je. Neues jüdisches Leben ist erwacht. Die jüdischen Gemeinden in Sachsen haben ihre Mitgliederzahl mehr als verzwanzigfacht. Sie zählen heute 2.600 Mitglieder.

Meine Damen und Herren,
Verantwortung für den Anderen heißt dabei auch: Die jüdischen Gemeinden werden von der Staatsregierung ideell und finanziell unterstützt. Viele Christen haben sich für den Bau der neuen Synagogen in Dresden und Chemnitz eingesetzt, auch mit großzügigen Spenden. Allein der Dresdner Förderverein hat mehr als vier Millionen Mark gesammelt. In Leipzig ist das Ariowitsch-Haus als jüdische Kultur- und Begegnungsstätte entstanden.
Die Deutsche Zentralbücherei für Blinde hier in Leipzig ist in der ehemaligen Höheren Israelitischen Schule untergebracht. Der Sächsische Landtag hat das Simon-Dubnow-Institut für jüdische Kultur und Geschichte In Leipzig gegründet.

Die Staatsregierung unterstützt die Arbeit der jüdischen Gemeinden und gemeinsam mit Bund und Ländern die Ausbildung von Rabbinern am Abraham-Geiger-Kolleg in Potsdam und der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg.
2006 wurden in Dresden die ersten Absolventen aus Potsdam ordiniert – es war überhaupt die erste Rabbinerordination in Deutschland seit 1942.

Das war der Auftakt zu einer neuen Tradition. 2010 wurden in Leipzig Absolventen des Hildesheimer Rabbinerseminars in Berlin ordiniert. Beides waren Höhepunkte nicht nur des jüdischen Lebens in Sachsen. Nicht zuletzt: Als Freistaat Sachsen pflegen wir enge Beziehungen zum Staat Israel.

Im März 2008 eröffnete im Dresdner Schloss eine Ausstellung „Lichtflecken – Frauen im Holocaust“, gemeinsam organisiert von den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und Yad Vashem.

Im März 2010 war ich selbst in der Holocaust-Gedenkstätte zu Besuch. Die Schicksale der jüdischen Opfer haben mich tief berührt und erschüttert. Unser Engagement für das jüdische Leben in Sachsen heißt auch: Wir Sachsen, allen voran die Staatsregierung, tritt allen extremistischen Ideologien, Rassismus, Antisemitismus und Antizionismus entschieden entgegen. Deshalb setzen wir uns auch für ein Verbot der NPD ein.
Andererseits engagieren wir uns für Weltoffenheit und Toleranz. Seit 2005 haben wir im Landesprogramm „Weltoffenes Sachsen für Demokratie und Toleranz“ mehr als 600 Projekte gefördert. Wir setzen das in Zukunft fort. Auch das heißt für uns: Verantwortung für den Anderen.

Ich wünsche mir, dass die Woche der Brüderlichkeit diesen Geist der Verantwortung und des Miteinanders in unserem Land stärkt. Ihnen allen für diese Woche viele gute Begegnungen und Gespräche.

Medienservice Sachsen
Quelle: Mediaservice-Sachsen