Nur die Kohle zählt?

so12_1

Sachsen setzt wieder auf die Braunkohle. Das könnte Dörfer und Kirchen kosten. Christen fordern weniger Energieverbrauch.
 

Friedlich liegt der Cospudener See vor den Toren Leipzigs. Der Frühlingswind bläst kleine Wellen ans Ufer. Die Leipziger schätzen ihre »Costa Cospuda«. Hier können sie durchatmen und abschalten ohne weit reisen zu müssen. Was manche der Jüngeren nicht wissen: Der See verdankt sich dem Braunkohleabbau zu DDR-Zeiten. Nicht nur Dörfer und Wälder hat er zerstört. Auch Mensch und Umwelt wurden erheblich geschädigt durch die Braunkohleverarbeitung im Leipziger Land.

Kirchliche Umweltgruppen versuchten mutig gegenzusteuern. Doch erst die Wende befreite die belastete Region. Man atmete auf. Aus tiefen Tagebaulöchern wurden idyllische Seen. Doch 20 Jahre später steht die Kohle vor ihrer großen Rückkehr. Im ehemaligen Chemiedreieck der DDR, in Leuna, einigten sich vor zwei Wochen die mitteldeutschen Landeschefs auf einen Ausbau der Braunkohleförderung.

»Für die sichere und bezahlbare Energieversorgung ist die weitere Braunkohlenutzung in Sachsen mittel- bis langfristig unverzichtbar«, erklärt Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU). Der Atomausstieg sowie die noch nicht flächendeckend einsetzbaren erneuerbaren Energien scheinen die Braunkohle wieder salonfähig zu machen. Die wegen ihrer Klimaschädlichkeit umstrittene Kohle gilt als Überbrückungstechnologie, als »Partner der erneuerbaren Energien«, so Tillich in Leuna.

Fraglich ist allerdings, wie lang die Brücke sein soll. Die Länder- und Energiekonzernchefs wollen die Braunkohle mindestens noch 40 Jahre fördern und verfeuern – das sei alternativlos. Andere Stimmen sprechen vom Jahr 2030, in dem es möglich sein soll, 100 Prozent der Energie aus erneuerbaren Quellen zu gewinnen.

Die Mitteldeutsche Braunkohlegesellschaft (Mibrag GmbH) steht schon in den Startlöchern. Sie plant einen Ausbau ihres Großtagebaus im Leipziger Südraum sowie ein neues Kraftwerk. Und wieder ist ein Dorf im Weg, Pödelwitz mit seiner Kirche aus dem 13. Jahrhundert. Noch will niemand ein Heuersdorfer Szenario beschwören. Doch die Debatte ist eröffnet.

Der Ausschuss für Nachhaltigkeit der Bezirkssynode Leipzig bittet bereits die Landessynode, dass sie die sächsische Regierung auffordert, »von der Genehmigung neuer Braunkohle-Kraftwerksbauten und der Erschließung neuer Braunkohlelagerstätten abzusehen«. Um dem biblischen Auftrag gerecht zu werden, bestehe eine Verpflichtung zu klima- und ressourcenschonender Energiegewinnung.

Doch für den Superintendenten des Leipziger Lands, Matthias Weisman, gibt es keine einfache Lösung des Energieproblems. »Eine klare Grundsatzposition können wir uns im Augenblick leider nicht leisten«, sagt er und verweist auf den noch notwendigen Energiemix. In der heiklen Frage nach der Zukunft des Ortes Pödelwitz sieht er sich als Vermittler. »Ich werde mich dafür einsetzen, zu fairen und ausgewogenen und bedachten Lösungen zu kommen«, sagt Weismann, der an der Seite der Menschen vor Ort stehen möchte.

Doch Tobias Funke vom Nachhaltigkeits-Ausschuss der Leipziger Bezirkssynode verweist auf einen zu wenig bedachten Ausweg: Die Reduzierung des Energieverbrauchs. Diese Forderung könnte der besondere Beitrag der Kirche sein. Politik und Wirtschaft sind fixiert auf Wachstum. Verzichtsforderungen sind unpopulär.

Glaubt man jedoch dem brasilianischen Theologen Leonardo Boff, ist die Zeit der Selbstbeschränkung und des rechten Maßes unaufschiebbar gekommen. Eine »neue Kultur der Einfachheit« sei notwendig, um den Planeten noch zu retten, schreibt er in seinem neuen Buch »Zukunft für Mutter Erde«. Die Frage der Rückkehr zur Braunkohle in Sachsen entpuppt sich als Anfrage an jeden Einzelnen: Wie möchte ich leben?

Stefan Seidel

⇒ DER SONNTAG [Sachsen]