Wer bleibt?

Der nächste abgebaggerte Ort nach Heuersdorf? Pödelwitz steht auf der Kippe, wenn die Einwohner ihren Ort aufgeben. Doch auch wenn sie bleiben, wird der Tagebau bald bis an den Ortsrand vordringen. (Foto: Uwe Winkler)

Der nächste abgebaggerte Ort nach Heuersdorf? Pödelwitz steht auf der Kippe, wenn die Einwohner ihren Ort aufgeben. Doch auch wenn sie bleiben, wird der Tagebau bald bis an den Ortsrand vordringen. (Foto: Uwe Winkler)

Braunkohlebagger bedrohen Pödelwitz – doch ein Kirchvorsteher will kämpfen.
 

»Ich sitze auf einem absterbenden Ast«, sagt Eckhard Pönisch und blickt auf seinen kleinen Ort Pödelwitz bei Groitzsch. »Entweder gehe ich, bevor der Ast abbricht, oder ich bleibe und vertraue auf die Stärke des Baumes«, so spricht Pönisch über die existenzbedrohende Situation in seinem Dorf.

Das Bergbauunternehmen Mibrag überlässt den rund 140 Einwohnern diesmal die Wahl: Entweder alle ziehen weg oder keiner wird entschädigt in dem Ort, der dann entweder nach über 700 Jahren aufhört zu existieren oder aber eine Insel im Braunkohlentagebau Vereinigtes Schleenhain sein wird. Die Bedrohung spaltet das Dorf.

»Ich habe mich mit meiner Frau für den Kampf entschieden«, sagt Thilo Kraneis entschlossen. »Ich will auch Vorbild sein für ein Heimatrecht«, nennt der 45-jährige Metallbauer seine Gründe, in Pödelwitz zu bleiben. Der Kirchvorsteher lebt seit 30 Jahren im Ort, mit Frau und zwei Kindern. Mit seinen Eltern kam er aus dem benachbarten Droßdorf, das die Braunkohlebagger verschlangen. Er ging acht Jahre in Peres zur Schule – auch der Ort verschwand. Er heiratete in Heuersdorf, wo auch seine Schwiegereltern wohnten – der jahrelange Kampf des Ortes gegen den Tagebau war vergeblich. »Wenn wir hier nicht kämpfen, bleibt von meiner Heimat nichts mehr übrig«, sieht sich Thilo Kraneis in der Pflicht.

Auch Eckhard Pönisch, der Kurator der Kirche in Pödelwitz, räumt nicht kampflos sein Haus. Allerdings hat Eckhard Pönisch schon viel früher versucht, Widerstand für den Ort zu organisieren. Doch gegen die Braunkohle habe er leider erfolglos nach politischer Unterstützung gesucht, erzählt der dreifache Familienvater. »Ich sehe keine Chance mehr, daran etwas zu ändern«, hat Pönisch die Hoffnung für den Ort mittlerweile aufgegeben.

Als er 1998 mit seiner Frau nach Pödelwitz zog, sei dem Ort eine bessere Zukunft prophezeit worden. Mit einer weiteren Familie baute er deshalb die alte Schule neben der Kirche aus. »Mittlerweile ist klar, dass Braunkohle in der Energiepolitik Vorfahrt bekommt«, sagt der Ingenieur für Versorgungstechnik. Wie die meisten Pödelwitzer will er sich nicht dem Lärm und Dreck am Tagebaurand aussetzen, sondern hofft auf eine entsprechende Entschädigung vom Bergbauunternehmen Mibrag, um wegzuziehen.

Sie möchten den Ort Pödelwitz mit seiner Kirche gern erhalten (v. l.): Eckhard Pönisch, Pfarrer Frank-Udo Lohmann und Thilo Kraneis. (Foto: Uwe Winkler)

Sie möchten den Ort Pödelwitz mit seiner Kirche gern erhalten (v. l.): Eckhard Pönisch, Pfarrer Frank-Udo Lohmann und Thilo Kraneis. (Foto: Uwe Winkler)

 
Als rechtliche Grundlage dafür prüft der Stadtrat von Groitzsch gerade einen Umsiedlungsvertrag. Nur mit diesem Vertrag werde die Mibrag den Ort Pödelwitz antasten, sagt der Bürgermeister Maik Kunze (CDU). Anfang Mai »wäre möglich und denkbar«, dass ein Umsiedlungsvertrag zustande komme, denn der Großteil der Pödelwitzer wolle weg. »Aber wir können niemanden zur Entscheidung zwingen«, so Kunze.

Thilo Kraneis will den Umsiedlungs­vertrag möglichst verhindern. »Wir wollen nicht rausmüssen«, sagt er. Er sieht sonst alle Dämme brechen und alle Einwohner wie Eckhard Pönisch wegziehen. Pfarrer Frank-Udo Loh­ma­nn kann beide Seiten verstehen, aber wenig tun. Die Kirche bleibe bis Ostern geschlossen, so habe der Kirchenvorstand zum Energiesparen aufgerufen. »Doch im Grunde genom­men wissen alle schon, dass es gelaufen ist«, meint der Pfarrer. »Aber wir stehen zu denen, die ihr Heimatrecht bewahren wollen. Egal, was es für Kon­sequenzen hat.«

Uwe Naumann

⇒ DER SONNTAG [Sachsen]