Abwärtsspirale in Afghanistan

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In Afghanistan dreht sich die Gewaltspirale weiter – und es ist kein Ende abzusehen. Erst die Verbrennung von Koran-Exemplaren, nun der Amoklauf eines US-amerikanischen Soldaten, der 16 Zivilisten, darunter Frauen und Kinder, erschoss. Ein Zwischenfall, sicher. Doch was nützen Beteuerungen?

Militante Islamisten warten nur auf Gelegenheiten wie diese zum Gegenschlag. Und in der Bevölkerung verstärkt sich abermals der Eindruck, wehrlos Demütigungen und Waffengewalt ausgesetzt zu sein. Ansätze von Vertrauen in eine demokratische Ordnung werden zerstört. Die Folge ist eine gefährliche Solidarisierung breiter Bevölkerungsschichten mit den Militanten.

Jeder Tag der Anwesenheit ausländischer Truppen kann neue Gelegenheiten für unbeabsichtigte Zwischenfälle schaffen. Der für 2014 geplante Truppenabzug ist die einzige Lösung.

Militärisches Eingreifen hat sich damit erneut als untaugliches Mittel erwiesen. Nun sind Alternativen nötig. Friedensforscher diskutieren sie längst, nur in der Politik finden sie kaum Gehör. Die Kirchen sollten deshalb ihre Autorität nutzen und deutlicher denn je für gewaltfreie Konfliktlösungsstrategien eintreten, für die Wege von Verhandlungen, Wirtschaftssanktionen und Unterstützung zivilgesellschaftlicher Gruppen. Sie sollten die Perspektive der Opfer vertreten und die Erinnerung an die Folgen von Militäreinsätzen wach halten.

Denn schon braut sich zwischen Israel und Iran der nächste Konflikt zusammen. Wieder läuft alles nach den altbekannten Mustern von militärischer Bedrohung und Gegenreaktion. Offenbar können Politiker von selbst aus dem Scheitern von Militäreinsätzen nichts lernen. Man muss sie zum Lernen zwingen – im Namen künftiger Leidtragender.

Tomas Gärtner

⇒ DER SONNTAG [Sachsen]