Schweigen gelernt

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Menschen mit Behinderungen sind mehr als doppelt so oft Opfer von sexueller Gewalt als Nicht-Behinderte. Doch sie suchen und finden nur selten Hilfe.

Es waren Ekel und Scham, die den jungen Mann so lange schweigen ließen. Über viele Wochen lang. Über Wochen, in dem er von einem anderen Mann immer wieder sexu­ell gequält wurde, er hielt ihm dabei den Mund zu. Irgendwann tat es so weh, dass er sich seiner Mutter anvertraute. Seine Angst wurde danach unermesslich groß. Denn der Täter wohnte mit seinem Opfer im selben Haus – in einem Heim der Diakonie in Sachsen. Beide, Opfer und Täter, sind geistig behindert.

»Der junge Mann leidet unter Schlafstörungen und einer posttraumatischen Belastungsstörung«, sagt Volker Hoffmann von der Dresdner Beratungsstelle »Ausweg«, die Opfer sexueller Gewalt begleitet. »Menschen mit einer geistigen Behinderung sind emotional sehr bedürftig und kindlich im Umgang mit ihrem Körper. Obwohl körperlich erwachsen, sind sie seelisch oft wie Acht- oder Zehnjährige.«

Wie viele Menschen mit Behinderungen unter sexueller Gewalt leiden, zeigt erstmals eine groß angelegte Studie, die erst im April veröffentlicht wird. Forscher der Universität Bielefeld befragten unter Leitung der Professorin Monika Schröttle 1561 repräsentativ ausgewählte Frauen mit Behinderungen. Das Ergebnis: Mehr als 20 Prozent der Frauen haben sexuelle Gewalt als Kind oder Jugendliche erlitten – mehr als doppelt so viele wie nicht-behinderte Frauen. Bei gehörlosen Frauen waren es gar 52 Prozent, bei Blinden 40 Prozent und bei psychisch Kranken 36 Prozent.

Die Taten fanden oft in Heimen statt. Auch als Erwachsene sind Frauen mit Behinderungen zwei bis dreimal häufiger von sexueller Gewalt betroffen als Frauen im Bevölkerungsdurchschnitt, fand die Studie heraus.

Täter sind oft Angehörige und Partner, aber auch ebenfalls behinderte Heimbewohner und Arbeitskollegen. Da sich Menschen mit geistigen Behinderungen oft nicht mehr erinnern oder nur schwer ausdrücken konnten, gehen die Forscher zudem von einem erheblich größeren Dunkelfeld aus.

Wie groß es wirklich ist, lässt sich nur ahnen. In der Dresdner Beratungsstelle »Ausweg« suchen lediglich vier bis fünf behinderte Menschen pro Jahr Hilfe. Beim Chemnitzer Verein »Wildwasser«, der ebenfalls Opfer sexueller Gewalt berät, sind es jährlich fünf – bei insgesamt 472 Beratungen im vergangenen Jahr. »Ich sehe darin nur die Spitze des Eisberges«, sagt die Chemnitzer Beraterin Clara Zimmermann. Schon der Zugang zu den Hilfsangeboten sei für behinderte Menschen schwer. Es fehlten rollstuhlgerechte Eingänge, Flugblätter in Blindenschrift, genügend Personal.

Doch es geht um weit mehr als um äußere Barrieren – es fehlen oft auch die inneren. Welche Berührungen sind in Ordnung, welche nicht? »Wenn Menschen als Erwachsene gepflegt werden müssen, können sie diese Grenze oft nicht aufbauen – und haben es oft auch nicht beigebracht bekommen«, sagt Susanne Hampe von der Leipziger Frauenberatungsstelle. Als sie eine junge behinderte Frau auf ihre Würde hinwies, erwiderte diese ungläubig. »Wir sind doch anders.«

Sehr unterschiedlich ist in Wirklichkeit der Umgang mit sexueller Gewalt. Der junge behinderte Mann, dessen Mutter in der Dresdner Beratungsstelle »Ausweg« Hilfe suchte, würde in seinem diakonischen Wohnheim noch immer auf seinen Peiniger treffen. Er hat Angst und lebt seitdem bei seinen Eltern. Die Heimleitung glaube bis heute seinen Schilderungen nicht und behalte den mutmaßlichen Täter im Haus, sagt der erfahrene Berater Volker Hoffmann. »Ich halte seine Aussagen dagegen für glaubhaft. «Dabei schafften gerade klare Regeln Sicherheit, so Hoffmann. »Wenn es keine Sanktionen gibt, ist das für den Täter ein Impuls, weiterzumachen.«

Andreas Roth

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