Richard Müller: Eine Geschichte der Novemberrevolution, Berlin 2011 (Nachdruck)

Dietmar Lange, Friedrich-Meinecke-Institut, Freie Universität Berlin, rezensiert für H-Soz-u-Kult

Müller, Richard: Eine Geschichte der Novemberrevolution. Vom Kaiserreich
zur Republik – Die Novemberrevolution – Der Bürgerkrieg in Deutschland.
Berlin: Die Buchmacherei 2011. ISBN 978-3000354007; 756 S.; EUR 19,95.

Eine der wirkmächtigsten zeitgenössischen Darstellungen zur Geschichte
der Revolution von 1918/19, welche die Forschung zur Rätebewegung seit
den 1950er-Jahren beeinflusst hat, ist neben Arthur Rosenbergs
Geschichte der Weimarer Republik zweifelsohne die von 1924 bis 1925
veröffentlichte Trilogie Richard Müllers unter dem Obertitel: "Vom
Kaiserreich zur Republik".[1] Müller verfasste sein Geschichtswerk aus
der Perspektive des unmittelbar an der Basis in den Betrieben und den
Räteorganisationen aktiven Organisators der revolutionären Bewegung.
Seine eigene Biografie steht paradigmatisch für jenen Teil der deutschen
Arbeiterbewegung, der in den Revolutionsjahren für kurze Zeit ins
politische Feld eingetreten war, nach dem Scheitern der Rätebewegung,
der Auflösung der USPD und den Säuberungen innerhalb der KPD jedoch bald
wieder von der politischen Bühne verschwand. Seine Geschichte der
Revolution spiegelt daher auch Hoffnungen und Bestrebungen wider, die
nicht in der Gegenüberstellung von parlamentarischer Demokratie oder
bolschewistischer Einparteiendiktatur aufgeht.[2]

Der Berliner Historiker Ralf Hoffrogge, dem das Verdienst gebührt,
bereits vor vier Jahren die Biografie Müllers herausgearbeitet zu haben
[3], hat nun zusammen mit Jochen Gester und Rainer Knirsch sowie
mithilfe eines kleinen Berliner Verlages die drei Bücher Müllers in
einem Band neu herausgegeben und mit einer ausführlichen Einleitung
versehen. In dieser rekapituliert Hoffrogge noch einmal die Stationen
der politischen Tätigkeit Müllers von seiner führenden Rolle unter den
"revolutionären Obleuten" in den Massenstreiks während des Ersten
Weltkrieges über seine Tätigkeit als Vorsitzender des Berliner
Vollzugsrates der Groß-Berliner Arbeiter- und Soldatenräte und seinem
Wirken als Rätetheoretiker und KPD-Gewerkschaftsbeauftragter bis hin zu
seiner kurzfristigen Rolle in der kleinen Linksgewerkschaft "Deutscher
Industrieverband" nach seinem Ausschluss aus der KPD 1922. Anschließend
hebt er die Rezeption Müllers während des Paradigmenwechsels in der
bundesrepublikanischen Forschung in den 1950er- und 1960er-Jahren
hervor, welche den scharfen Gegensatz von Demokratie und Rätebewegung
endgültig aufgab [4], beleuchtet aber auch den Einfluss von Müllers
Geschichtswerk auf die umstrittene populärwissenschaftliche Darstellung
von Sebastian Haffner [5] und den Rückbezug auf Müller in
linksgewerkschaftlichen Debatten der 1960er- und 1970er-Jahren.
Hoffrogge beschreibt das Paradox, dass Müllers Geschichte der Revolution
gleichzeitig ein "Standardwerk" und ein "Geheimtipp" gewesen sei. Die
Studentenbewegung habe bewirkt, dass diese in den 1970er- Jahren bei dem
Berliner Verlag Olle & Wolter neu aufgelegt wurde, jedoch seit längerer
Zeit vergriffen sei.

Die Neuauflage orientiert sich an der letzten Auflage des Originals,
besitzt aufgrund der einbändigen Herausgabe jedoch veränderte
Seitenzahlen. Eine Besonderheit von Müllers Werk besteht in der
ausgiebigen Verwendung von teilweise seltenen Originaldokumenten, die
unter anderem auf seine akribische Archivierungsarbeit während seiner
Tätigkeit als Vorsitzender des Berliner Vollzugsrates zurückgeht. Jedem
der drei Teile folgt daher ein längerer dokumentarischer Anhang aus
Flugblättern, Protokollen und Ausschnitten aus Zeitungsartikeln, die das
Buch zugleich zu einer wertvollen Dokumentensammlung machen.

Der erste Teil behandelt die Entwicklung vom Ausbruch des Ersten
Weltkrieges bis zum Vorabend der Novemberrevolution. Müller legt in
einem Vorwort dar, dass er keinesfalls beabsichtigt, eine erschöpfende
wissenschaftliche Darstellung zu liefern. Den größten Raum nehmen die
Vorgänge in Berlin und vor allem die Entwicklung in der Arbeiterschaft
ein. Er betont dabei die Bedeutung der sozialen und psychologischen
Folgen des Krieges, die im Zusammenspiel mit der Burgfriedenspolitik der
Gewerkschaftsinstanzen und des sozialdemokratischen Parteiapparates
schließlich dazu führten, dass ein kleiner Kreis konspirativ agierender
oppositioneller Vertrauensleute, die Obleute, einen immer breiteren
Anhang in der Arbeiterschaft gewinnen konnte. Er beschreibt auch die
Differenzen in der Strategie zwischen den Obleuten und dem
Spartakusbund, vor allem mit Karl Liebknecht, dessen Taktik der sich bis
zur Revolution steigernden Straßenagitation die Obleute als
"revolutionäre Gymnastik" verspotteten. Sie setzten hingegen auf sich
ausweitende große Massenaktionen wie die Streiks vom April 1917 und
Januar 1918, die Müller, trotz des Scheiterns der aufgestellten
Forderungen, als Erfolge verbucht.

Der zweite Teil beginnt mit dem Umsturz vom 9. November in Berlin, an
dessen Gelingen die Vorbereitungen der Obleute entscheidenden Anteil
hatten, und endet mit dem Ersten Reichsrätekongress im Dezember 1918,
der die Entwicklung zur Nationalversammlung festschrieb. Müller
beschreibt ausgiebig das Verhältnis zwischen Berliner Vollzugsrat,
dessen Vorsitz er in dieser Zeit führte, und dem Rat der
Volksbeauftragten. Der Vollzugsrat, der als Kontrollorgan der Räte
gegenüber der neuen Regierung gedacht war, sah sich bald heftigen
Angriffen ausgesetzt, blieb jedoch auch aufgrund interner
Fraktionskämpfe zwischen SPD- und USPD-Vertretern gelähmt, so dass er
den Restaurationsbestrebungen durch das Bündnis aus
SPD-Volksbeauftragten und kaiserlichem Militär- und Verwaltungsapparat
außer Willenskundgebungen nichts entgegen zu setzen hatte.

Der dritte Teil "Der Bürgerkrieg in Deutschland" schließt das opulente
Werk mit der Schilderung der militärischen Auseinandersetzungen und der
Streikbewegungen vom Anfang bis zum Frühjahr des Jahres 1919 ab. Müllers
zentrale These besteht darin, dass die SPD-Führung, durch eine
revolutionäre Massenbewegung an die Macht getragen, die Grundlage dieser
Macht in der Rätebewegung verleugnet habe und sich nicht nur
weitergehenden Bestrebungen nach einer Sozialisierung und einer
Heeresreform entgegenstellte, sondern sich dadurch auch auf die Macht
der gegenrevolutionären Kräfte in Militär- und Staatsapparat stützen
musste. Getrieben von ihren militärischen Bündnispartnern, sei sie auch
vor dem Einsatz militärischer Gewaltmittel nicht zurückgeschreckt,
wodurch sich die Konflikte erst zum Bürgerkrieg zugespitzt hätten. Auf
der anderen Seite übt Müller scharfe Kritik an der revolutionären linken
Opposition, die durch überstürzte, einer Radikalisierung der
Rätebewegung vorauseilenden Aktionen die vorhandenen Möglichkeiten der
Revolutionsjahre verspielt habe. Er sieht daher weder im Januaraufstand
noch in den diversen Räterepubliken die entscheidenden Kämpfe um die
Weiterführung der Revolution, sondern in einer aus der wirtschaftlichen
Not und der Enttäuschung breiter Massen entstandenen Streikwelle im
Frühjahr 1919. Die kam jedoch aufgrund der Schwäche der revolutionären
Linken nach den militärischen Niederlagen und ihrer organisatorischen
und regionalen Zersplitterung, nur versprengt zur Entfaltung und
scheiterte in erneuten zum Teil sehr blutigen militärischen
Auseinandersetzungen weitgehend.

Müllers Werk ist eine beeindruckende Darstellung aus der Binnensicht.
Wer seine durchaus kontrovers zu beurteilenden Thesen nicht teilt, wird
dennoch eine Fülle von sehr bewegenden Darstellungen entscheidender
Stationen der Revolutionsgeschichte vorfinden. Vor allem aber liefert er
einen guten Einblick in die organisatorische Struktur und mentale
Verfassung der "größten Massenbewegung der deutschen Geschichte"[6] aus
der Perspektive eines ihrer entscheidenden Akteure. Trotz der aus
fachhistorischer Sicht vorhandenen Schwächen des Buches, wie einer
teilweisen Glättung der eigenen Rolle Müllers in den Ereignissen, bleibt
der Hoffnung der Herausgeber zuzustimmen, die Neuausgabe möge zu einer
Belebung der seit den 1980er-Jahren zurückgegangenen Debatten über die
Revolution beitragen. So betont Müller beispielsweise die wichtige Rolle
psychologischer und sozialer Brüche in Weltkrieg und Revolution, deren
Herausarbeitung eine Aufgabe zukünftiger Geschichtswissenschaft sei. Die
von ihm selbst vor der Vernichtung bewahrten Protokolle der
Vollversammlungen der Berliner Arbeiter- und Soldatenräte und des
Vollzugsrates sind seit einigen Jahren in einer ausführlichen Edition
leicht zugänglich. Sie bieten ein reichhaltiges Material für eine erst
in den Anfängen stehende mentalitäts- und alltagsgeschichtliche
Forschung zur Revolution von 1918/19.[7]

Anmerkungen:
[1] Arthur Rosenberg, Entstehung und Geschichte der Weimarer Republik,
Frankfurt am Main 1955. Im Original: "Entstehung der Deutschen Republik
1871-1918" und "Geschichte der Deutschen Republik", veröffentlicht 1928
und 1935.
[2] Diese Gegenüberstellung bildete das Forschungsparadigma in der
westdeutschen Geschichtsschreibung zur Revolution bis in die
1950er-Jahre hinein. Vgl. dazu am prononciertesten Karl Dietrich
Erdmann, Die Geschichte der Weimarer Republik als Problem der
Wissenschaft, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Nr. 3 (1955), S.
1-19.
[3] Ralf Hoffrogge, Richard Müller – Der Mann hinter der
Novemberrevolution, Berlin 2008.
[4] Für einen Überblick über die westdeutsche Forschungsdebatte siehe
Eberhard Kolb, Revolutionsbilder: 1918/19 im zeitgenössischen
Bewusstsein und in der historischen Forschung, Heidelberg 1993.
Insbesondere Peter von Oertzen stützt sich intensiv auf Müllers Werk.
Ders., Betriebsräte in der Novemberrevolution, 2. Auflage, Berlin/Bonn
1976.
[5] Sebastian Haffner, Die verratene Revolution – Deutschland 1918/19,
Hamburg 1969. Kritisiert wurde insbesondere seine These des "Verrats"
der SPD-Führung an der eigentlich sozialdemokratischen Revolution.
Hierbei stützt sich Haffner in weiten Teilen, allerdings
unausgesprochen, auch auf die Thesen Richard Müllers.
[6] Kolb, Revolutionsbilder, S. 30.
[7] Gerhard Engel, Bärbel Holz, Ingo Materna (Hrsg.), Groß-Berliner
Arbeiter- und Soldatenräte in der Revolution 1918/19. Dokumente der
Vollversammlung und des Vollzugsrats, 3 Bde., Berlin 1993-2002.

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