Haben wir Protestanten die Osterfreude verlernt?

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Fragen an Alexander Deeg, Professor für Praktische Theologie in Leipzig.
 

Herr Professor Deeg, ist uns Protestanten die Osterfreude abhanden gekommen?
Deeg: Wir Protestanten haben über Jahrhunderte den Karfreitag sehr betont: Viel Kreuz, viel Opfer und dann ein leeres Grab. So richtig hell und fröhlich konnte es da kaum werden. In den Predigten wurde Ostern vor allem problematisiert: Kann es wirklich sein, dass ein Mensch auferstanden ist?

Ändert sich daran etwas?
Deeg: Seit Mitte des letzten Jahrhunderts entdeckt die evangelische Theologie die Freude und das Licht zu Ostern wieder. Dafür ist die neue Agende ein wichtiger Schritt. Doch bei allem Jubel: Der älteste Osterbericht im Markusevangelium endete ursprünglich damit, dass die Frauen erschrocken vom Grab weglaufen. Und als Maria Magdalena dem Auferstandenen begegnet, wie im Johannesevangelium geschrieben, ist Ostern etwas ganz Stilles.

Prof. Dr. Alexander Deeg

Prof. Dr. Alexander Deeg

Sehnen sich die Menschen nach der Oster­botschaft?
Deeg: Bestimmt. Sehr viele evangelische Gemeinden feiern heute mittlerweile Oster­nächte. Die vielen Besucher, die so früh aufstehen, zeigen diese Sehnsucht. Es soll erfahrbar werden, was Ostern meint: Dass der Tod nicht das letzte Wort hat. Der Auferstandene ist jetzt gegenwärtig.

Die evangelischen Kirchen setzen stark auf das Wort. Möchten viele Menschen nicht auch mit allen Sinnen die österliche Botschaft erfahren?
Deeg: Wir Protestanten haben das in den letzten Jahrzehnten erst wieder gelernt. Wenn in die dunkle Kirche eine Osterkerze hineingetragen wird, ist das etwas völlig anderes, als wenn ich nur höre, dass Jesus Christus das Licht der Welt ist. Viele evangelische Gemeinden haben Ostern auch als klassischen Tag für Taufen und das Taufgedächtnis wiederentdeckt. Menschen spüren, dass sie Zeichen brauchen dafür, dass sie in das neue Leben hineingehören.

Konnten sie dabei auch von anderen Konfessionen lernen?
Deeg: Man hat neu entdeckt, was bei den Katholiken und Orthodoxen in der Liturgie da ist und gemeinsam in die Alte Kirche zurückgeblickt. Schon im vierten Jahrhundert wurden die Tage von Gründonnerstag bis Ostersonntag in ihrer Dramatik zusammenhängend begangen.
Die Auferstehungsfreude kann man nur feiern, wenn man den Karfreitag bewusst gestaltet. Ich bin auch sehr dafür, den Karsamstag als stillen Tag wieder zu entdecken. Die Orthodoxen denken an diesem Tag daran, wie Jesus ins Totenreich hinabsteigt und die Gestorbenen befreit. Bei uns ist der Karsamstag leider ein Einkaufstag.

Wie können wir die Osterfreude im Gottesdienst wiedergewinnen?
Deeg: Wir können es nur, wenn wir aus der Stille und Leere der Karwoche das Leben neu ent­decken. Ostern heißt für mich: die herrliche Leichtigkeit der Kinder Gottes; der große Feind des Lebens, der Tod, ist besiegt.
Da muss die Kirchgemeinde nicht in lautes Lachen ausbrechen. Solche Freude kann jubelnd oder still sein. Oder auch laut und ein wenig schief. In der Dorfgemeinde meiner Kindheit hat der Posaunenchor am Ostermorgen gespielt »Christ ist erstanden«.
Ich war dabei jedes Mal zutiefst ergriffen. Da darf man als Pfarrer zu Ostern vielleicht auch etwas kürzer predigen.

Die Fragen stellte Andreas Roth

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