Im Anfang war das Wort

Im Anfang war das Wort

Eine heikle Frage wird in der sächsischen Landeskirche und am Wochenende von den Syno­dalen diskutiert: Dürfen homosexuelle Pfarrerinnen und Pfarrer ihre Partnerschaft im Pfarrhaus leben? Dabei geht es um mehr als eine kirchenjuristische Entscheidung. Es geht um die alte Frage, wie die Bibel zu verstehen ist. Ist jeder ihrer Buchstaben ein verbindlicher Wegweiser für heutiges Leben? Oder gibt es überholte Bibelstellen?

Diese Debatte begleitet die Kirche seit ihren Anfängen. Aus der einen Bibel können sich verschiedene Sichtweisen ableiten. Das zeigen die Antworten der beiden Theologen Fulbert Steffensky und Ulrich Parzany auf unsere Frage: Wie wörtlich ist die Bibel zu verstehen?

Fulbert Steffensky (78) ist emeritierter Professor für Religionspädagogik und lebt in Luzern.

Fulbert Steffensky (78) ist emeritierter Professor für Religionspädagogik und lebt in Luzern.

Fulbert Steffensky:

Der Buchstabe tötet, der Geist belebt

Im Jahr 1969 bin ich in die evangelische Kirche eingetreten. Es war kein dramatischer Glaubenswechsel, aber ich habe im Protestantismus etwas besser verstehen gelernt, was Gnade bedeutet. Wir sind vor Gott nicht, weil wir ansehnlich sind, sondern weil wir angesehen sind vom Blick der Güte. Wir müssen uns nicht bezeugen durch unsere eigene Art, nicht durch unsere Stärken, nicht durch religiöse Materialien.

»Der Geist gibt Zeugnis unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind« (Römerbrief 8,16). Dies ist einer der schönsten und tröstlichsten Sätze der Bibel. Er befreit uns davon, unsere eigenen Lebensmeister zu sein. Das eben heißt Gnade und Leben im Geist: Wir brauchen uns nicht in uns selbst zu bergen, uns nicht selbst zu gebären. Wir sind geboren in das Erbarmen Gottes hinein.

Der Glaube an die Gnade ist Trost und Götzenkritik. Er ist die Kritik an allem, was sich neben diesem Blick der Güte als unerlässlich aufspielt.

Man kann nicht an die Gnade glauben und zugleich annehmen, dass nur ein Mann der Eucharistie vorstehen kann. Man kann nicht an die Gnade glauben und zugleich annehmen, eine sogenannte apostolische Sukzession garantiere ein einzigartiges Priestertum. Man kann nicht an die Gnade glauben und zugleich annehmen, nur eine Form der Sexualität sei anzuerkennen. Es gibt keine essentiellen Notwendigkeiten außer dem Zeugnis jenes Geistes, der uns zu Söhnen und Töchtern Gottes macht.

Außer der Gnade Gottes ist unerlässlich nur die Liebe. Es ist uns verboten, Götzen zu dienen, das heißt: auf anderes zu hoffen als auf Gott selbst. Das Bestehen auf der Einmaligkeit und Ausschließlichkeit von hetero­sexueller Liebe ist Götzendienst.

Mit Gnade und Rechtfertigung aus dem Glauben ist bei Paulus immer Freiheit verbunden. Freiheit heißt nicht, tun und lassen können, was man gerade will. Freiheit heißt, vom Götzendienst befreit und den »Elementen dieser Welt« nicht mehr unterworfen zu sein. Freiheit heißt, nur den einen Gott anerkennen und ihm zu dienen.

Wir dienen nicht mehr einer sogenannten apostolischen Sukzession, nicht mehr der sogenannten »normalen« Auffassung von Sexualität, wir dienen nicht einmal mehr dem Buchstaben der Bibel. Auch er kann ein Götze sein. »Der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig (2. Korintherbrief 3,6). Wir dienen Gott, und das genügt. So werden wir gelegentlich den Geist der Bibel gegen den Buchstaben der Bibel zitieren müssen, auch in der Frage der Homo­sexualität.

Es gibt aber keine Freiheit ohne das Bekenntnis zur Freiheit. Gleichgeschlechtliche Beziehungen zuzulassen, gehört zu diesem Bekenntnis der Freiheit. Freiheit ist keine Konzession, die unter der Theke zu haben ist. Zum Bekenntnis dieser Freiheit gehört die öffentliche Anerkennung der verschiedenen Lebensformen, ob in Pfarrhäusern oder in anderen Häusern. Dies nicht zu tun heißt, »sich des Evangeliums zu schämen« (Römerbrief 1,16).

Fulbert Steffensky

Ulrich Parzany (71) ist emeritierter Pfarrer und Leiter des evange­listischen Vereins ProChrist.

Ulrich Parzany (71) ist emeritierter Pfarrer und Leiter des evange­listischen Vereins ProChrist.

Ulrich Parzany:

Gott selbst redet durch die Bibel

Mit der Forderung, die Bibel wörtlich zu verstehen, haben die Reformatoren gegen Missdeutungen der Bibel gekämpft. Wörtlich heißt vor allem, die Bibelworte in ihrem Zusammenhang zu verstehen. So legt die Bibel sich selber aus.

Gott gebraucht Menschen, um sein Reden und Handeln in der Heiligen Schrift zu dokumentieren. Aber Gott selbst redet durch die Bibel. Das macht ihre Autorität aus. Wenn sie nur Sammlung der Glaubensüberzeugungen von Menschen vergangener Zeiten wäre, hätte sie keine verbindliche Geltung für uns heute.

Gilt in den evangelischen Kirchen heute noch der reformatorische Grundsatz »Allein die Schrift«?

Das wird sich daran zeigen, wie wir einige Grundfragen beantworten: Wer ist Gott? Wer ist der Mensch? Um diese Fragen geht es nämlich wirklich bei den aktuellen Konflikten um homo­sexuelle Lebensweisen.

Der Mensch ist zum Ebenbild Gottes geschaffen, und zwar in der Unterschiedenheit und Zusammengehörigkeit von Mann und Frau (1. Buch Mose 1,27). Auf diesem Hintergrund lehnt die Bibel homosexuelle Handlungen ab (3. Buch Mose 18,22 und 20,13).

Diese unbedingt formulierten Gebote Gottes werden so begründet: »Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig, der HERR, euer Gott« (3. Buch Mose 19,2). Es geht bei diesen Geboten also nicht um moralische Nebensächlichkeiten. Es geht um Gott selbst und um das erste Gebot.

Jesus bestätigt die Aussagen des Schöpfungsberichts: »Habt ihr nicht gelesen: Der im Anfang den Menschen geschaffen hat, schuf sie als Mann und Frau und sprach: ›Darum wird ein Mann Vater und Mutter verlassen und an seiner Frau hängen, und die zwei werden ein Fleisch sein‹? So sind sie nun nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch« (Matthäus 19,4–6).
Jesus spricht damit inklusiv auch gegen alle Unzucht, die homo­sexuelle Praxis einschließt (Markus 7,21). Die Ehe zwischen Mann und Frau ist nicht nur eine Lebensform unter anderen, sondern sie ist die Beziehung, die nach der Bibel dem Schöpfer entspricht und zur Gottebenbildlichkeit des Menschen gehört.

Aber gelten die Worte des Alten Testamentes genauso wie die des ­Neuen?

Nein. Der Zugang zum Alten Testament geht nur über den Messias Jesus. Er spricht in der Bergpredigt sein vollmächtiges »Ich aber sage euch«.

Er bestätigt zum Beispiel die Unauflösbarkeit der Ein-Ehe, die sie von der Schöpfung her hat. Er setzt damit zugleich die im Alten Testament erlaubte Viel-Ehe außer Kraft. Er trägt stellvertretend das Todesurteil Gottes über uns und hebt die Todesstrafe auf, die im Alten Testament für Ehebruch, homosexuelle Praxis und andere Verfehlungen verhängt wurde.
Die Schrift allein?

Im Augsburgischen Bekenntnis, Artikel 28, heißt es: »Man soll auch den Bischöfen, so ordentlich gewählt, nicht folgen, so sie irren oder etwas gegen die heilige göttliche Schrift lehren oder ordnen.«

Ulrich Parzany

Den ganzen Beitrag lesen auf: ⇒ DER SONNTAG [Sachsen]