Die Front der Linken und ihr Einfluss auf den Wahlkampf

Der erste Wahlgang der diesjährigen Präsidentschaftswahl findet am 22. April statt. Von den offiziell bestätigten zehn Kandidaturen beeinflussen jedoch nur fünf den Verlauf des Wahlkampfs. Der amtierende Präsident und Vorsitzende der Union für eine Volksbewegung (Union pour un mouvement populaire; UMP), Präsident Sarkozy, ließ die Wähler lange Zeit über seine Kandidatur für ein zweites Mandat im Unklaren. Nach einem relativ späten Eintritt in den Wahlkampf bemühte er sich den Abstand zum Kandidaten der Sozialistischen Partei (Parti socialiste; PS), François Hollande, zu verringern, dem die Medien seit Wochen einen Sieg voraussagten. Die späte Offensive Sarkozys gegen seinen Hauptrivalen war erfolgreich. Eine weniger als 40 Tage vor Wahlbeginn veröffentlichte Umfrage sieht den amtierenden Präsidenten für den ersten Wahlgang an der Spitze. Dieser Umschwung hat allerdings keine Auswirkungen auf die Prognosen für den zweiten Wahlgang am 6. Mai, denen zufolge François Hollande mit Abstand gegen Nicolas Sarkozy gewinnen wird (55 Prozent der Stimmen). Um die Wahl für sich zu entscheiden, müssen die „beiden Großen“ drei weitere Kandidaten berücksichtigen, welche Kandidaten der dominierenden UMP und PS herausfordern.

Im Gegensatz zur Wahl 2007, bei der Sarkozy mit einem harten Kurs gegen Einwanderung und einem deutlichen Einsatz für die öffentliche Sicherheit einen beträchtlichen Teil der Wählerschaft der rechtsextremen Partei Nationale Front (Front national; FN) angezogen hatte, muss er sich nun mit der Enttäuschung, ja gar der Unzufriedenheit des rechten Flügels seiner Partei und der Sympathisanten der FN auseinandersetzen. Die Rückeroberung dieser Wählerschaft wird alles andere als leicht sein, da die FN von der Beliebtheit ihrer neuen Kandidatin Marine Le Pen profitiert, welche die Verankerung der FN in der französischen Politiklandschaft festigen konnte. Prognosen zu Beginn des Wahlkampfs rechneten mit bis zu 18 Prozent für die Tochter des historischen Anführers der rechtsextremen Partei.

Um der von Le Pen ausgehenden Gefahr zu begegnen, hat Sarkozy die de Gaulle’sche Haltung eines Einigers aufgegeben und sich manche radikale Themen der FN angeeignet, womit er bewusst riskiert, dass die inhaltlichen Ansätze der FN legitimiert werden. François Bayrou, der Kandidat der Demokratischen Bewegung (Mouvement démocrate; MoDem), könnte von einer solchen Radikalisierung der Wahlkampfthemen profitieren und die traditionellen Wähler der republikanischen Rechten für sich gewinnen, für die Einwanderung und öffentliche Sicherheit nicht die Hauptprobleme des Landes sind.

Der amtierende Präsident ist nicht der einzige, der sich an einem ideologischen Spagat versucht, um die meisten Stimmen zu gewinnen: Auch sein Hauptgegner, François Hollande, gibt sein Bestes, um gleichzeitig die Wähler der Linken und der Mitte zu überzeugen. Während er zu Beginn des Wahlkampfs das Bild eines Kandidaten jenseits aller politischen Lager vermitteln wollte und dabei soweit ging, eine „vernünftige Austeritätspolitik“ zu unterstützen, um mögliche Argumente von rechts zu entkräften, musste er sein politisches Programm immer weiter nach links rücken, um der Herausforderung zu begegnen, dass die Umfragewerte von Jean-Luc Mélenchon kontinuierlich stiegen. Der Kandidat der Linksfront (Front de Gauche; FdG), dessen Kampagne den Kampf gegen den Neoliberalismus und die Kürzung der Sozialausgaben zum Schwerpunkt hat, beeinflusste den Wahlkampf grundlegend, seitdem er die symbolische Marke von 10 Prozent der Stimmen überschritten hat. Er scheint in der Lage, das zu erreichen, was die Linke seit dem Zusammenbruch der ehemals mächtigen Kommunistischen Partei (Parti communiste; PCF) nicht mehr umsetzen konnte: ein neues Bündnis, das allen politischen Kräften links von der Sozialdemokratie offen steht. François Hollande sieht sich gezwungen, manche Forderungen zu berücksichtigen; am symbolträchtigsten ist zweifelsohne sein jüngster Vorschlag, Einkommen über einer Million Euro mit 75 Prozent zu besteuern. Damit riskiert er den sozialliberalen Flügel seiner Partei zu verstimmen und Wähler der Mitte abzuschrecken, die mit dem Gedanken spielen, im zweiten Wahlgang für ihn zu stimmen.

Der Versuch der beiden wichtigsten Kandidaten, „im Zentrum zu spielen“ und so das geringste politische Risiko einzugehen, um so den größtmöglichen Anteil der Wählerschaft zu umschmeicheln, ist unter dem Druck der Parteien gescheitert, die ein starkes Interesse daran hatten, die Debatte zu politisieren: die FdG und die FN.

Die Linksfront – ein neues Bündnis für den gesellschaftlichen Wandel

Um den Kontext der Entstehung der neuen Front der Linken zu verstehen, muss auf das französische Referendum 2005 über den Europäischen Verfassungsvertrag zurückgegangen werden. Selten war die Öffentlichkeit in der neueren Geschichte des Landes so gespalten. Befürworter, begeistert vom Fortschritt des europäischen Föderalismus und nur wenig beeindruckt von der Zementierung des Prinzips des „freien und unverfälschten Wettbewerbs“, standen einer breiten ablehnenden Front gegenüber, die sich hauptsächlich aus Gegnern der neoliberalen Ordnung zusammensetzte, die der Verfassungsvertrag besiegeln sollte (http://abonnes.lemonde.fr). Nach langen internen Diskussionen sprach sich die Sozialistische Partei schließlich für den europäischen Vertrag aus. Die ideologische Annäherung der PS an die Mitte des politischen Spektrums führte zum Austritt Jean-Luc Mélenchons aus der Partei 2008, der nach dem Modell der deutschen Partei Die Linke kurz darauf die Linkspartei (Parti de Gauche; PG) gründete.

Die Europawahl 2009 bewegte die PG dazu, ein Wahlbündnis mit der Kommunistischen Partei in Form einer „Linksfront für ein anderes, demokratisches und soziales Europa“ zu schließen. Ziel war es, eine starke Botschaft an Parteien und Bürger zu senden, die ein anderes Europa im Bruch mit der neoliberalen Ausrichtung des Vertrags von Lissabon aufbauen wollten. Die FdG bildete sich also als Wahlplattform mit dem Ziel, die politischen linken Kräfte, die gegen den europäischen Verfassungsvertrag waren, zu vereinen, von der PG bis zu den trotzkistischen Parteien. Trotz verschiedener Annäherungsversuche gelang es der FdG nicht, die Neue Antikapitalistische Partei (Nouveau parti anticapitaliste; NPA) und die Partei Arbeiterkampf (Lutte Ouvrière; LO) in ihr Bündnis einzugliedern, die sich bis heute als einzige wirklich kommunistische Parteien betrachten. Dafür schaffte es die FdG, die kleinen Parteien für sich zu gewinnen, die sich als Vertreter der politischen Ökologie und der republikanischen Linke verstehen.

Die Grundlage dieses bunt zusammengewürfelten Wahlbündnisses, das sich gleichermaßen aus Parteien und aus zivilgesellschaftlichen Organisationen zusammensetzt, bildet der Kampf gegen die „Prekarisierung der Arbeit, die ökologische Katastrophe und die Dominanz des Finanzkapitals über die Realwirtschaft“ (Wahlprogramm der FdG „l’humain d’abord“). Das Bündnis sorgte für eine Überraschung bei den Kreiswahlen 2011. Beobachter schätzten es als zu schwach ein, um die französische Politiklandschaft zu beeinflussen. Mit 10,38 Prozent der Stimmen in den Wahlkreisen, in denen die FdG für den ersten Wahlgang Kandidaten aufgestellt hatte, wurde die FdG jedoch die zweitstärkste Kraft des linken Lagers im Land.

Um die Dynamik dieses Wahlerfolgs zu nutzen, entschieden die Mitglieder der FdG, einen gemeinsamen Kandidaten für die Präsidentschaftswahl 2012 aufzustellen. Jean-Luc Mélenchon schien als stellvertretender Vorsitzender der PG und Initiator der Linksfront am besten dazu geeignet, das linke Wahlbündnis zu vertreten. Er musste zunächst von den Mitgliedern der PCF ernannt werden, von denen nicht alle seine Kandidatur befürworteten, da er nicht Mitglied ihrer Partei war. Eine überwältigende Mehrheit der Partei sprach ihm dennoch ihr Vertrauen aus. Damit stellte die PCF zum ersten Mal seit Gründung der 5. Republik keinen eigenen Kandidaten für die Präsidentschaftswahl auf. Dieser Entschluss verweist über seine symbolische Bedeutung hinaus auf ein zunehmendes Bewusstsein für die notwendige Umstrukturierung der Linken in Frankreich.

„Menschlichkeit zuerst“ („L’humain d’abord“) – Der Wahlkampf der FdG

Jean-Luc Mélenchon begann seinen Wahlkampf im September 2011 mit dem „Fest der Menschlichkeit“ („Fête de l’Humanité“). Das Ereignis, das von großer historischer Bedeutung für den französischen Kommunismus ist, war nicht zufällig ausgewählt worden. Bevor er sich der Eroberung der Stimmen der Franzosen widmen konnte, musste Mélenchon sich vor den Mitgliedern der Kommunistischen Partei beweisen. Die Skeptiker wurden vom Talent Mélenchons als Volkstribun und von den Auszügen des neuen politischen Programms der FdG „Menschlichkeit zuerst“ überzeugt.

Zu Beginn war Mélenchons Wahlkampf schwierig, da ihm nicht die gleiche Medienaufmerksamkeit wie den Favoriten Sarkozys und Hollandes zukam. Dennoch gelang es ihm schnell, Bürger über den eng begrenzten Kreis kommunistischer Anhänger hinaus zu mobilisieren. Seine Konferenzsäle füllten sich immer mehr mit jungen Leuten, die sich zuvor vom politischen Leben ferngehalten hatten. Die FdG, der bei ihrem Eintritt in den Wahlkampf 5 Prozent der Stimmen prognostiziert wurden, könnte laut aktuellen Umfragen bei der Wahl bis zu 15 Prozent der Wählerstimmen erlangen. Seit langem hatte die Linke nicht mehr ein derartiges Gewicht in der französischen Politikszene. Die engen Bande, die die Linksfront mit den Gewerkschaften geknüpft hat und die kontinuierliche Unterstützung, die sie den im Streik stehenden Arbeitern entgegenbringt, haben das Image der Linken bei den schwächsten Gesellschaftsschichten aufgebessert und den von der Sozialdemokratie enttäuschten Wählern wieder Hoffnung gegeben. Durch den Bruch mit den Vorschlägen der PS in so unterschiedlichen Bereichen wie dem Umgang mit der Krise, der Rolle des Staates in der Wirtschaft oder der Erneuerung der republikanischen Institutionen konnte die Linksfront dem Wahlkampf ihre Themen aufzwingen und so die anderen Parteien dazu bringen, sie zu diskutieren.

Die weiterhin brennende Aktualität der Wirtschaftskrise in Frankreich stellte die Weichen für den Wahlkampf der Linksfront. Während mehrerer Jahrzehnte des Neoliberalismus an den Rand gedrängt, hat die Linke nunmehr die Möglichkeit, Ideen anzubringen, die bislang als überholt und unrealistisch bezeichnet wurden. Zu einem Zeitpunkt, da 10 Prozent der aktiven französischen Bevölkerung arbeitslos sind und die Einkommen tendenziell stagnieren (Eurostat, 26.03.12), nutzte das Wahlkampfteam Mélenchons die Gelegenheit und rückte die Themen Arbeit und Gehälter wieder in den Mittelpunkt der politischen Debatte. Eine wichtige Maßnahme des gemeinsamen Programms der Linksfront, die im Fall eines Sieges unmittelbar zur Anwendung kommen soll, ist die Erhöhung des Mindestlohns auf 1700 EUR brutto zu Beginn des Mandats und eine weitere Steigerung auf 1700 EUR netto bis zum Ende der Regierungsperiode. Diese Maßnahme basiert auf der doppelten Annahme, dass man zur Ankurbelung der Wirtschaft vor allem bei der Nachfrage ansetzen muss und dass die Bevölkerungsgruppen mit den niedrigsten Einkommen die höchste marginale Konsumquote aufweisen. Darüber hinaus ist die Erhöhung des Mindestlohns ein deutlicher Schritt gegen die Diskriminierung der Frauen, wie Jean-Luc Mélenchon immer wieder betont hat. Tatsächlich sind 85 Prozent der Mindestlohnempfänger Frauen. Zu einem Zeitpunkt, da sich die Austeritätspolitik auf dem ganzen europäischen Kontinent durchsetzt, ist die Linksfront die einzige französische Partei, welche eine Erhöhung der Gehälter zu ihrem Hauptanliegen macht. Die PS hat bereits angekündigt, dass eine solche Maßnahme nicht auf ihrer Tagesordnung steht. Damit hat sie sich von ihrem sozialistischen Erbe losgesagt und deutlich gemacht, dass sie die Idee übernommen hat, dass das Heil in der Kürzung öffentlicher Ausgaben liegt….
Die herausstechende Besonderheit des Wahlprogramms der Linksfront besteht jedoch in der Forderung nach der Einführung eines Maximalgehalts. Diese Idee geht auf einen Vorschlag des Europäischen Gewerkschaftsbunds zurück, dem zufolge in allen Unternehmen der Unterschied zwischen dem niedrigsten und dem höchsten Gehalt nicht mehr als das Zwanzigfache betragen sollte. Anders ausgedrückt, werden die Arbeitgeber nicht mehr verdienen können, ohne zuvor die Gehälter am unteren Ende der Leiter anzuheben.

Parallel zu diesen ausschließlich nationalen Maßnahmen plant die Linksfront im Falle eines Siegs, Druck auf die europäischen Partner Frankreichs auszuüben, um eine Alternative zu der von der Europäischen Kommission und der Mehrheit der EU-Mitgliedstaaten vertretenen Austeritätspolitik durchzusetzen. Für die Linksfront müssen die Staaten an Handlungsspielraum gewinnen, um eine Konjunkturbelebung finanzieren zu können. Sie stellt den Geist von Maastricht infrage, der die immer stärker werdende Abhängigkeit der Staaten von den Finanzmärkten durch die Einführung einer unabhängigen Europäischen Zentralbank festschreibt, deren einzige Aufgabe es ist, Preisstabilität zu gewährleisten. Die Linksfront lehnt diese Logik ab und schlägt vor, die Satzung der EZB zu überarbeiten und ihr das Recht einzuräumen, Kredite an Mitgliedstaaten der Eurozone zu einem geringen Zinssatz (zwischen 0 und 1 Prozent) zu vergeben, wie sie es bereits für Privatbanken tut. Jacques Généreux, der Ökonom der PG, argumentiert, dass mit der Monetarisierung der Staatsschulden durch die EZB und die Bank von Frankreich jährlich 50 Milliarden EUR Zinsen eingespart werden könnten, die bisher durch den Rückgriff auf die Finanzmärkte entstehen.

Dies würde es den Staaten erlauben, die von der Abhängigkeit von privaten Investoren beschnittene wirtschaftliche Souveranität wiederzuerlangen und kostenaufwändige, aber unerlässliche Projekte wie die Ökologisierung der Wirtschaft zu finanzieren. Die FdG geht von der Annahme aus, dass ohne eine Erneuerung der Aufgaben der EZB die „Umweltplanung“, also der organisierten Ausrichtung der Produktionsmittel auf die Ökologisierung der Wirtschaft, die ihr sehr am Herzen liegt, nicht realisierbar sei, da sie als langfristiges Projekt nicht dem Anspruch des Marktes von unmittelbarem Profit entspricht. Der zentrale Stellenwert der Umweltplanung im Programm der FdG ist das Zeichen einer grundlegenden ideologischen Wende der französischen Linken. Dies bedeutet eine Abkehr vom Produktivismus, der bislang eine feste Konstante der Ideologie der französischen Linken war.

Die Linksfront ist im Übrigen in der Frage der Atomenergie gespalten. Sollte man so schnell wie möglich aussteigen wie es die PG nahelegt oder sollte man nur deren Anteil am nationalen Energiekonsum reduzieren wie es die PCF vorschlägt? Es wurde vereinbart, dass eine breite Bürgerdebatte zu dieser Frage organisiert werden soll, die mit einem Referendum abschließt, das es den Wählern ermöglicht, darüber zu entscheiden. Diese Lösung hat zahlreiche Anhänger der Grünen angezogen, die enttäuscht sind vom Wahlabkommen zwischen Sozialistischer Partei und den Grünen, das der Schließung der Atomkraftwerke keine Priorität einräumt.

Dieser Wille zu mehr Bürgerbeteiligung am politischen Entscheidungsprozess entspricht einer anderen Kernidee des Programms „Menschlichkeit zuerst“: der Übergang zur 6. Republik. Die FdG strebt an, das institutionelle Gleichgewicht des Landes zu ändern und dem semipräsidentiellen System ein Ende zu setzen, das Frankreich seit der Verabschiedung seiner Verfassung 1958 charakterisiert. Ziel einer solchen Reform ist es, die Macht wieder näher zum Volk zu bringen, um die Demokratiekrise zu lösen, die das Land heimsucht. Die Reform beinhaltet zum einen eine Verschiebung des Kräfteverhältnis zwischen Präsident und Parlament zugunsten des Parlaments und zum anderen die Einberufung einer verfassungsgebenden Versammlung zur Verabschiedung einer Verfassung, welche den direkten Einfluss der Bevölkerung stärker berücksichtigt.

Das Erfolgsrezept des Wahlkampfs der Linksfront besteht in der klaren Linksausrichtung ihrer Inhalte für die Schwächsten der Gesellschaft und ihrem stetigen Bemühen, die Bürger mehr in das politische Leben einzubeziehen. Aber auch das Redetalent Mélenchons ist nicht zu unterschätzen, das mehrere tausend Menschen zu seinen Wahlveranstaltungen strömen lässt. Und Mélenchon beschränkt sich nicht auf die üblichen Wahlveranstaltungen. Die FdG hat zahlreiche politische Versammlungen und Feste im Freien organisiert. Politische Kommentatoren sind sich einig, dass es sich dabei um die größte Innovation des Wahlkampfs handelt. Die Auftaktveranstaltung fand am 18. März auf der Place de la Bastille in Paris statt. Mehr als 100 000 Menschen haben sich auf diesem hochsymbolischen Platz, Ausgangspunkt für alle französischen Revolutionen, versammelt, um die FdG zu unterstützen und die Rede ihres Kandidaten zu hören. Diese Mobilisierung der Bevölkerung wurde in Toulouse und vor kurzem auch in Marseille jeweils erfolgreich wiederholt. Mélenchon ist es gelungen, eine wirkliche Unterstützung seines politischen Projektes durch die Bürger zu schaffen. Sein Engagement und seine Kampflust bescheren der zuvor entzweiten Linken, deren Vorschläge politische Kommentatoren bislang als überholt betrachteten, einen zweiten Frühling. Den erbarmungslosen Kampf, den Mélenchon gegen die Kandidatin der Rechtsextremen Marine Le Pen führt, hat ebenfalls zum Elan der Linksfront im Wahlkampf beigetragen.

Front gegen Front – Ein Wahlkampf innerhalb des Wahlkampfs

Im direkten Wahlkampf zwischen der Linksfront und der Nationalen Front steht die Eroberung der Stimmen der Arbeiter auf dem Spiel. Jean-Luc Mélenchon und Marine Le Pen richten sich beide auf ihre Weise an eine desillusionierte Randgruppe der Bevölkerung, die den Versprechen der Kandidaten der großen Parteien UMP und PS keinen Glauben mehr schenkt und zögert, den Gang zu den Urnen anzutreten. Dem Analytiker Frédéric Daby vom Umfrageinstitut IFOP zufolge erklärt die Verschwommenheit des Programms der beiden Spitzenkandidaten im Bereich Wirtschaft und Soziales das Rekordniveau von 32 Prozent, das die Wahlenthaltung beim ersten Wahlgang der Präsidentschaftswahl erreichen könnte. Wenn die beiden Parteien auch zur gleichen Einschätzung der Ursache für die hohe Zahl an Nichtwählern gelangen, nämlich die Entfernung der politischen Eliten von den Sorgen der Bürger, haben die Linksfront und die Front National völlig unterschiedliche Strategien entwickelt, um damit umzugehen.

Die Wahl Marine Le Pens zur Vorsitzenden der FN Anfang 2011 hat eine Partei wiederbelebt, die unter dem schlechten Image seines Dauervorsitzenden Jean-Marie Le Pen zu leiden begann, bekannt für seine Leugnung des Holocausts und seinen Hass gegenüber Immigranten. Dieser Schachzug wurde kurioserweise von den meisten französischen Medien begrüßt. Würde die Partei etwa gesellschaftsfähig werden? Man glaubte gar, dass sich die Ideologie der FN geändert hatte, denn die Tochter legte Wert auf die sozialistische Ausrichtung ihres Wirtschaftsprogramms, wohingegen der Vater seine Bewunderung für Ronald Reagan nicht verborgen hatte. Zum ersten Mal seit ihrem Eintritt in die politische Landschaft Frankreichs gestaltete die FN ihren Wahlkampf nicht mehr mit den Themen Bedrohungen durch die Einwanderung und Stärkung der öffentlichen Sicherheit, sondern sprach vom Wahnsinn der Finanzwelt und der Notwendigkeit, mehr soziale Gerechtigkeit durchzusetzen. Eine erste flüchtige Lektüre ihres neuen Programms zeigt jedoch, dass ihre Konzeption von sozialer Gerechtigkeit nicht auf einem republikanischen Universalismus beruht, sondern auf der eingeschränkten Idee der Bevorzugung der Staatsangehörigen. Für diese Einschränkung wird nicht offen mit rassistischen Gründen argumentiert, sondern mit den wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die das Land aufgrund der Finanzkrise durchlebt. Es fehle das Geld für die Finanzierung des (zu) großzügigen französische Systems. Also gelte es, die Ausgaben zu kürzen, damit allein die Staatsangehörigen weiterhin davon profitieren können. Die FN schlägt unter anderem vor, die staatliche medizinische Hilfe (aide médicale de l’État; AME) abzuschaffen, die sich an Personen ohne Aufenthaltserlaubnis richtet und ihnen eine grundlegende medizinische Versorgung ermöglicht. Diese Maßnahme ist eine Kurzfassung der Ausrichtung des Programms von Marine Le Pen.

Die Strategie ist alt. Es geht darum, die „Nationalen“ den „Illegalen“ gegenüberzustellen und so die Gesamtheit der Probleme der Franzosen mit den Kosten der Anwesenheit der Immigranten auf französischem Staatsgebiet zu erklären. Die FdG vertritt für ihren Teil eine ganz andere Linie, die auf dem Erbe des Klassenkampfs beruht: Der Feind ist nicht der Ausländer, sondern der Privatier, der die Höhe des Einkommens der Arbeitnehmer nach unten drückt. Als das Wahlteam von Mélenchon erkannte, dass die Thesen der FN gut aufgenommen wurden und die Kandidatin der FN in den Umfragen davonzog, entschied es, mit allen Kräften an deren Unterwanderung zu arbeiten. Die FdG ist die einzige Partei, die einen beträchtlichen Teil ihres Wahlkampfs der Anprangerung der Gefahr der FN und einer gezielten Gegenargumentation gewidmet hat. Für die Linke ist das Thema von hoher Bedeutung. Und das aus mehreren Gründen: Wie die FN richtet sich auch die FdG vor allem an die von der Gesellschaft Ausgeschlossenen und die Hauptopfer der Krise. Zu Beginn der Präsidentschaftskampagne wurden der rechtsextremen Partei um die 20 Prozent der Stimmen vorausgesagt, wohingegen die Linke um die 7 Prozent stagnierte. Sie musste gegen die FN kämpfen, Argument um Argument, um sie zu diskreditieren. Dieser Kampf gegen die rechtsextreme Partei war für die FdG auch aus einem für das französische politische System spezifischen Grund wesentlich. Hätte die FN weiter an Stimmen gewonnen, hätte die FdG darunter am meisten gelitten. Die PS hätte dann mit mehr Gewicht den Aufruf zur „taktischen Wahl“ einsetzen können, um eine Streuung der Stimmen des linken Lagers zu vermeiden, welche teilweise das Desaster bei der Präsidentschaftswahl 2002 verursacht hatte (Zum ersten Mal in der Geschichte der fünften Republik qualifizierte sich ein Kandidat einer rechtsextremen Partei  für den zweiten Wahlgang. Er lag knapp vor dem Kandidaten der PS Lionel Jospin, der sich einer großen Anzahl an Kandidaturen aus dem linken Lager stellen musste). Mit einer geschwächten FN hat die PS dieses Mal alle Chancen, es in den zweiten Wahlgang zu schaffen. Die FdG hat sich also von diesem Damoklesschwert befreit, das sie von einem relevanten Einfluss auf das Wahlergebnis abgeschnitten hätte.

Unter der Offensive von Mélenchon ist die FN in einem Anfall von Hoffnungslosigkeit wieder zu den thematischen Grundlagen ihrer Partei zurückgekehrt: öffentliche Sicherheit, Einwanderung und die Stigmatisierung des Islams. Da sie die Glaubwürdigkeit im Bereich Wirtschaft und Soziales verloren hat, spielt Marine le Pen ihre letzte Karte aus, indem sie auf das Drama von Toulouse setzt. Die Ermordung mehrerer Soldaten, von drei jüdischen Kindern und einem Hebräischlehrer durch ein angebliches Mitglied von al-Quaida ermöglicht es der FN vom Klima der Angst zu profitieren, das sich vor dem ersten Wahlgang über das Land gebreitet hat und den angeblichen Kampf der Kulturen in Szene zu setzen. Es bleibt abzuwarten, ob diese Strategie sich auszahlt, da die Franzosen eindeutig mehr mit den Folgen der Krise als mit der beschworenen Gefährdung durch den radikalen Islam beschäftigt sind.

Welches politische Kräfteverhältnis ist für den zweiten Wahlgang zu erwarten?

Der plötzliche Auftritt der FdG hat die politische Landschaft Frankreichs grundlegend verändert. Die PS hatte mit dieser Konkurrenz von links nicht gerechnet. Die Frage des Umgangs mit der neuen Partei der Linken spaltet die Führungsriege der Sozialisten. Einige sehen Mélenchon als Bedrohung für ihre Wahlaussichten (eine große Zahl an natürlichen Wählern der PS schließen sich der FdG an), aber auch für ihre ideologische Ausrichtung (eine starke FdG rückt die PS automatisch weiter nach links, was die Wähler der Mitte abzuschrecken droht). Andere wiederum sehen den Stimmengewinn Mélenchons positiv, denn er vermag es, selbst Nichtwähler für sich zu gewinnen und so den Einfluss des linken Lagers generell zu vergrößern. Die Umfragen scheinen diese These zu bestätigen: 85 Prozent der potentiellen Wähler Mélenchons sind bereit, im zweiten Wahlgang für François Hollande zu stimmen.

Nicolas Sarkozy ist sich dessen bewusst und betont die vom Zugewinn des Kandidaten der FdG ausgehende Gefahr. Trotz des bedeutenden Zuwachses für den amtierenden Präsidenten, der voraussichtlich den ersten Wahlgang gewinnen wird, sagen ihm alle Umfragen für den Fall eines direkten Duells mit François Holland im zweiten Wahlgang eine Niederlage voraus. Seine Strategie ist klar. Zuerst hatte er seine Rhetorik radikalisiert, um die Wähler der FN zu gewinnen und deren Kandidatin zu schwächen. Um die Wahl jedoch für sich entscheiden zu können, braucht er die Stimmen der Wähler der Demokratischen Bewegung von François Bayrou. Dieser Logik folgt seine jetzige Verteufelung des sozialistischen Kandidaten, den er als „Geisel der radikalen Linken“ bezeichnet, denn, je mehr Stimmen die FdG bekommen wird, desto stärker wird die PS ihre politischen Positionen berücksichtigen müssen. Der Präsident ist sogar schon soweit gegangen, einen Sieg des Sozialisten als gefährlich für das Land zu bezeichnen: „Ihr wollt Hollande? Ihr werdet Griechenland und Spanien haben.“ Er spielt mit den Ängsten, die eine sozialistische Führung in einem Land wecken kann, das in der Vergangenheit überwiegend vom rechten Lager regiert wurde, um die Wähler der Mitte für sich zu gewinnen, die traditionell die Kürzung öffentlicher Ausgaben unterstützen.

Trotz einer sehr wirksamen Wahlkampagne ist Jean-Luc Mélenchon voraussichtlich nicht in der Lage, sich für den zweiten Wahlgang zu qualifizieren. Kurz vor der Wahl wird jedoch erkennbar, dass die FdG ihr angekündigtes Ziel erreicht hat: sich in der französischen Politiklandschaft zu etablieren. Ihre Vorschläge für ein neues, klar links angesiedeltes Wirtschafts- und Sozialmodell hat dem Wahlkampf, der von der Ähnlichkeit der Programme der beiden wichtigsten Kandidaten, Nicolas Sarkozy und François Hollande, geprägt war, neues Leben eingehaucht. Der Eintritt der FdG in die französische Politikszene bringt möglicherweise tief greifende Konsequenzen für das seit einem Jahrzehnt relativ stabile Kräfteverhältnis zwischen den verschiedenen Parteien mit sich. Bislang hat sich die FN als einzige Partei dargestellt, die eine Alternative zu dem von der PS und von der UMP verteidigten System bietet. Die radikale Rechte wird sich nun der linken Konkurrenz stellen müssen. Die FdG sollte auch die Sozialisten zu einer Neudefinition ihrer politischen Orientierung bewegen. Eine starke Linke könnte zu einem Linksruck der PS führen.

Mélenchon hat immer wieder betont, dass es sein langfristiges Ziel ist, die FdG zur stärksten linken Kraft Frankreichs zu machen. Während ihm zu Beginn des Wahlkampfs weniger als fünf Prozent der Stimmen prognostiziert wurden, bewegt er sich jetzt um die 15-Prozent-Marke. Die wirkliche Herausforderung liegt in der Parlamentswahl, die im Juni 2012 stattfinden wird. Falls es der Front der Linken dann gelingt, eine bedeutende Fraktion zu stellen, könnte sie mehr Einfluss auf das Handeln der nächsten Regierung ausüben und sich so ihre dauerhafte Präsenz in der französischen Politik erkämpfen.

  • http://sondages.blog.lemonde.fr/2012/03/20/sondage-lecart-se-resserre-hollande-toujours-en-tete
  • http://abonnes.lemonde.fr/idees/article/2012/03/19/europe-le-despotisme-eclaire-contre-la-protection-sociale_1672144_3232.html
  • http://lci.tf1.fr/politique/elections-presidentielles/abstention-au-plus-haut-les-ressorts-d-un-marasme-annonce-7106633.html

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