Die billigen Stieftöchter der Diakonie


Die Diakonie sieht sich als Dienstgemeinschaft. Doch Hausmeister, Küchen- und Reinigungspersonal werden unter Kostendruck von ihr ausgeschlossen. Auch in Sachsen – trotz EKD-Kritik.
 

so_18-3Wenn es einen Riss gibt, der die Diakonie von ihrem Auftrag zu trennen droht – dann stand Bernd Doll ganz nah vor ihm. Nach über 20 Jahren wurde der Hausmeister der Dresdner Stadtmission im Herbst 2008 aus der diakonischen Dienstgemeinschaft heraus geworfen. Mit 67 Kollegen aus Küche, Werkstätten und Reinigung sollte er in eine neue Firma wechseln: Die Dresdner Stadtmission Service GmbH. Nach einer Übergangszeit hätte der damals 59-jährige Doll 500 Euro weniger Bruttolohn gehabt, sagt er. Denn dort wird Gaststätten-Tarif bezahlt. Und das, nachdem bereits seine Frau ihre Arbeit bei der Diakonie verloren hatte. Doll verweigerte die Unterschrift.

Noch am selben Tag fiel er in ein seelisches Loch. Es folgten Monate im Krankenhaus. Diagnose: schwere Depression. Zurück in der neuen Service-Firma, war seine diakonische Welt aus den Fugen. »Dort wurde Angst geschürt, um schnell und gut genug zu arbeiten«, sagt Doll. Obwohl er sein recht ordentliches Gehalt nach einigem Streit behalten durfte und seit März Rentner ist – als Christ ist er enttäuscht: »Ist das Kirche?«

Es ist die Diakonie selbst, die hohe Maßstäbe an sich legt. Schließlich versteht sie sich als christliche »Dienstgemeinschaft«, in der die üblichen Konflikte zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern nicht vorkommen sollen – und deshalb auch keine Gewerkschaften und keine Streiks.

Doch mit Ausgliederungen in Tochtergesellschaften werden Mitarbeiter aus dieser Dienstgemeinschaft ausgestoßen. Die Synode der EKD forderte deshalb im vergangenen Herbst: »Outsourcing mit Lohnsenkungen, ersetzende Leiharbeit und nicht hinnehmbare Niedriglöhne müssen zu ernsthaften Konsequenzen wie Sanktionen führen.« Der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider plädiert für eine Bestrafung der Träger bis hin zum Ausschluss aus der Diakonie – und zur Not für die Einstellung von Arbeitsfeldern, wenn dort kein kirchlicher Lohn mehr gezahlt werden kann.

Doch in Sachsens Diakonie sind unter dem Kostendruck der Pflegekassen private Tochtergesellschaften für Hausmeister-, Reinigungs- und Küchenpersonal mancherorts längst Alltag. Sie arbeiten meist zu den Tarifen der Gaststätten- oder Reinigungsbranche. Sie sind damit billiger als nach den kirchlichen Arbeitervertragsrichtlinien (AVR).

Das Diakoniewerk Oberlausitz betreibt mit der Dienstleistung Oberlausitz GmbH seit zehn Jahren solch eine Tochter – und mit der DiaLog GmbH sogar eine eigene Leiharbeitsfirma. Sie beschäftigte zeitweilig über 50 Mitarbeiter auch in der Pflege und ersetzt damit dauerhafte Arbeitsplätze zu geringeren Tarifen.

Der diakonische Krankenhauskonzern edia.con aus Chemnitz, an dem auch das Leipziger Diakonissenhaus beteiligt ist, unterhält die MSG Management- und Servicegesellschaft. Die Dresdner Diakonissenanstalt beschäftigt in ihrer DIAKO Versorgungs- und Service GmbH 110 Mitarbeiter. Die Tochter des Diakonischen Werks im Leipziger Land nennt sich Diakos Service GmbH und hat über 100 Beschäftigte.

»Leider erleben wir oft, dass unsere Verhandlungspartner für die Kostensätze gerade im Dienstleistungsbereich die Werte deckeln und somit die wirtschaftlichen Zwänge der Einrichtungen verstärken«, begründet der Geschäftsführer der Diakonie Leipziger Land, Harald Bieling, die Ausgliederung. »Auch die Tatsache, dass teilweise nicht-tarifgebundene Unternehmen im Pflegemarkt agieren und mit weit billigeren Sätzen um Angehörige und Heimbewohner werben können, verschärft die Wettbewerbssituation.« Andere diakonische Träger wie die Stadtmissionen in Chemnitz, Zwickau und Plauen haben bisher jedoch auf Ausgründungen verzichtet. Die Innere Mission Leipzig suchte einen anderen Ausweg: Wenn ein Bereich wie die Alten- und Behindertenhilfe rote Zahlen schreibt, wird dort der zweite Teil des 13. Monatsgehalts gekürzt.

»Damit können wir im Moment noch Fehlbeträge abfedern«, sagt Sönke Junge, kaufmännischer Vorstand der Inneren Mission Leipzig. »Aber ich bin vorsichtig für die Zukunft.«

Auf dem Papier zumindest hat die Spitze von Sachsens Diakonie im Mai 2011 Klarheit geschaffen: Wenn Einrichtungen Mitarbeiter in Tochtergesellschaften mit ungünstigeren Tarifen verlagern oder Leiharbeiter die Stammbelegschaft ersetzen, liege eine »Verletzung der Satzungspflichten« vor. »Wir erwarten nun ein klar strukturiertes Verfahren«, sagt Jörg Schlizio vom Gesamtausschuss der Mitarbeitervertretungen im Diakonischen Werk Sachsen. »Nur der Diakonische Rat kann abmahnen oder den Ausschluss vom Verband androhen.«

Die Mitarbeiter-Vertreter wissen: Die letztlich wichtigste Frage ist, warum der Politik die Pflege so wenig wert ist. Und ob die Diakonie dagegen kämpft – oder die Preisspirale selbst weiter mit nach unten dreht.

Andreas Roth

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