Todesmarsch durch die Seele

Im Frühjahr 1945 wurden Jüdinnen über den Marktplatz des nordböhmischen Duppau getrieben. Heute ist hier ein von Pflanzen überwucherter Schießplatz. (Fotos: Archiv Annemarie Legler/Hunor Kristo-Fotolia)

Im Frühjahr 1945 wurden Jüdinnen über den Marktplatz des nordböhmischen Duppau getrieben. Heute ist hier ein von Pflanzen überwucherter Schießplatz. (Fotos: Archiv Annemarie Legler/Hunor Kristo-Fotolia)

Noch 67 Jahre nach Kriegsende quält eine alte Frau die Erinnerung an einen Marsch von KZ-Häftlingen. Als Kind hat sie ihn beobachtet  – sie kann diese Last nicht loswerden.
 

Die Uhren ticken in ihrem Zimmer. Die Zeit aber will nicht vergehen. Die Vergangenheit ist nicht vergangen für Elisabeth Reuner. In schlafloser Nacht hat sie von ihr eine Lageskizze gemalt: Eine Kirche, ein Marktplatz.

»Dort, von rechts aus der Seitenstraße kamen sie«, sagt die alte Frau. »Nehmen Sie diese Last mit, Sie müssen sie unbedingt mitnehmen! Ich nehme das sonst mit ins Grab.«

Es war ein kühler Tag im Frühling 1945. Und Elisabeth Reuner, die ihren wahren Namen nicht der Öffentlichkeit preisgeben will, weil es auch ohnedies schwer ist, zu erzählen  – Elisabeth Reuner war ein Mädchen von acht Jahren, das spielte auf dem Markt des nordböhmischen Städtchens Duppau.

Um die Ecke beim Bäcker waren sie gebogen, wie aus dem finsteren Nichts: Ein langer Zug von Frauen, elend, mit hängenden Schultern, hungrig und durstig, frierend, in der Kälte bekleidet nur mit Schürzen. Elisabeth sah ein halbnacktes Kind in dem Zug, das tat ihr leid, sie wollte zu ihm. »Komm weg!«, rief ihre Mutter gellend und zeigte auf die SS-Wärterin, die den Marsch vorantrieb. »Die Peitsche!«

Es mussten Juden gewesen sein, das war selbst dem Mädchen Elisabeth klar. Auch andere Duppauer können sich noch heute an diesen Zug erinnern. Wie ein Spuk, sagen sie. Gut möglich, dass es sich um einen der Todesmärsche hunderter jüdischer Frauen handelt, die vor den heranrückenden Amerikanern aus dem 40 Kilometer von Duppau entfernten Lager Zwodau getrieben wurden. 129 von ihnen starben an der eisigen Kälte und dem Hunger, 49 wurden durch Aufseher getötet.

Oder waren es jene Häftlinge des KZ Buchenwald, die vom benachbarten Kaaden aus zu Fuß nach Süden mussten?

Elisabeth Reuner, das Mädchen auf dem Marktplatz, war im April 45 auf der Flucht. In der Nacht wenige Wochen zuvor, als sie mit ihren Eltern ihre schlesische Heimat in einem Viehwaggon verlassen hatte, sah sie bereits die Leuchtkugeln und hörte die Schüsse der nahenden Front.

Die Juden von Duppau hatte ihre Seele Jahrzehnte lang eingeschlossen. Scheinbar vergessen. Im vergangenen November, als sie in ihrer Wohnung in einem sächsischen Dorf einen Film über den Krieg sah, stand es unversehens vor ihr. Eine Vollmondnacht, sagt Elisabeth Reuner, eine Vollmondnacht voller Schreie. Die Schreie seien von dem Feld hinter Duppaus rokoko-prächtiger Pfarrkirche gekommen, von den Feldern, in deren Richtung die Häftlinge am Tag gezogen sind. Da waren Schüsse, sagt sie. Sie hält sich die Ohren zu. Noch immer.

Ihre Schwester bestätigt das  – andere Duppauer erinnern sich nicht an einen solchen Mord.

Doch die elenden Jüdinnen und die SS-Wärterinnen mit der Peitsche martern die Seele der alten Frau. So wie auch der jüdische KZ-Häftling, der sie einige Tage nach dem Marsch der Frauen um ein Stück Brot bat und umarmte. So wie der kleine Freund ihrer Kindheit, Ulli, den sie auf der Flucht auf einer Landstraße zurücklassen musste. So wie ihr Vater, der Eisenbahner, der nach Kriegsende in tschechischer Haft umkam. So wie ihre verlorene Heimat.

Duppau ist heute ein wüster Ort. Nach dem Krieg wurden hier Deutsche von Tschechen getötet. Seit fast 60 Jahren ist das Städtchen Schießplatz. Sperrgebiet. Eine einzige Narbe.

Elisabeth Reuners Rücken ist gebeugt, der Magen krank und auch die Seele. Sie bekommt Tabletten dagegen. Sie will nur eines: Dass die Angehörigen der jüdischen Häftlinge wissen, was mit ihren Lieben passiert ist. »Ich muss das loswerden«, sagt sie, »diese ganze Geschichte.«

An der Wand ihres Wohnzimmers hängen Dürers betende Hände in Holz. »Ich hatte manchmal eine Gottesferne«, murmelt die gläubige Frau. Die Uhren ticken kühl. Und doch, sagt sie, Gott war da. Immer. »Aber das, was wir erleben mussten, das hat er nicht gewollt.« Er kann es nicht gewollt haben.

Andreas Roth

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