Grasse Debatte

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Der Pulverdampf der überhitzten Debatte um Günter Grass’ Auslassungen zu Israel hatte sich gerade verzogen, da setzte der Dramatiker Rolf Hochhuth in diesem unseligen Zank noch eins drauf. Türenschlagend verließ er die Akademie der Künste in Berlin, Grass als »Antisemiten« beschimpfend. Ein schlimmes Beispiel für Diskussionskultur.

Grass hatte sich aus Sorge vor einem Militärschlag der israelischen Regierung und einem Krieg in der Region geäußert. Dass er das besser in Erklärung oder Interview getan hätte, nicht aber in einem den Anschein eines Gedichts erweckenden Text, ist hinlänglich kritisiert worden. Kritik am Säbelgerassel einer Regierung aber wird nicht »antisemitisch«, sobald es sich um die israelische handelt.

Wie wäre es, wenn man sich die Antisemitismus-Vokabel für diejenigen aufhöbe, die tatsächlich dumme Verschwörungstheorien verbreiten, und sie nicht andauernd wie eine Keule auf die klügsten Köpfe schlüge? Wer sich kritisch äußert, sollte freilich, wie bei allen Ländern üblich, zwischen Volk oder Land Israel und dessen momentaner Regierung unterscheiden. Zudem nicht, wie Grass es tat, Ursache und Reaktion verwechseln und übertreiben.

Einer sachlichen Diskussion förderlich wäre es, endlich auf unselige Nazi-Vergleiche zu verzichten, wie sie auch Hochhuth als verbale Handgranate in den Raum schleuderte. Wundern muss man sich über sein Ansinnen, eine Diskussion über das Grass-Gedicht in der Akademie zu verhindern. Abermals zeigt sich, dass es oft in solchen Diskussionen nicht darum geht, Meinungen mit Argumenten zu widersprechen, sondern den Gegner mundtot zu schlagen.

Dabei könnte Streit über Ansichten helfen, in der Sache zu differenzieren. Gerade weil im Nahen Osten die Lage so hochkomplex, widersprüchlich und explosiv ist.

Tomas Gärtner

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