Rechnen sich Kinder?

© lomography4 - Fotolia.com

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Im Streit um das Betreuungsgeld geht es um viel: Um Familienbilder, Milliarden und politische Taktik – doch nicht um jene Kinder, die Hilfe am nötigsten brauchen.

Es geht um Menschen wie Nadine Hässler-Kerner in der Debatte um das Betreuungsgeld. Die Auer­bacherin hat ihre beiden Kinder die ersten Jahre zu Hause erzogen. Das ist gut, sagen Politiker aus CDU und CSU: Solche Frauen sollen dafür ab nächstes Jahr 100 Euro Betreuungsgeld pro Kind bekommen.

Nadine Hässler-Kerner ist ohne Arbeit. Das ist schlecht, sagen Politiker der Union: Hartz-IV-Empfänger könnten das Betreuungsgeld ja für sich vergeuden, also soll es ihnen wieder abgezogen werden. Nadine Hässler-Kerner kennt solche diskriminierenden Vorurteile. Dabei weiß sie fast nur von arbeitslosen Müttern, die wie sie sagen: »Erst meine Kinder, dann ich.«

Die eigentliche Überraschung aber ist, dass Nadine Hässler-Kerner trotz ihres geringen Einkommens das Betreuungsgeld für keine gute Idee hält. »Gebrauchen könnten wir das Geld schon«, sagt sie. »Doch ich finde es besser, das Geld in Kindergärten und Krippen zu stecken. Dort lernen die Kinder ganz anders.« Und Nadine Hässler-Kerner kann Arbeit suchen.

Die für das Betreuungsgeld nötigen Milliarden sollten lieber in den Ausbau von Krippen und Kindergärten fließen, meinen auch der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider und die Spitzen der Diakonie, denn dort würde es benachteiligten Kindern am meisten helfen.

Stand die Kirche noch vor Jahrzehnten für ein traditionelles Familienbild, rücken ihre Repräsentanten nun andere Werte in den Mittelpunkt: Bildungsgerechtigkeit, Förderung benachteiligter Kinder, die Chancen junger Mütter auf Berufstätigkeit. Konservative Protestanten wie der Generalsekretär der Evangelischen Allianz, Hartmut Steeb, dagegen unterstützen das Betreuungsgeld – und halten 100 Euro für viel zu wenig. Steeb wehrt sich dagegen, dass Wirtschaft und Arbeitswelt zu stark in das Familienleben eingreifen.
Die Verbände der Wirtschaft gehören nämlich auch zu den Kritikern des Betreuungsgeldes. Elternzeiten sind für Unternehmen brachliegendes Humankapital.

Dem Wunsch vieler Eltern nach besserer Vereinbarkeit von Familie und Beruf entsprachen zwei Maßnahmen der Politik: Der Ausbau von Kindergärten und -krippen und das 2007 eingeführte Elterngeld, das nur noch höchstens 14 Monate gezahlt wird. Es verändert die Kindheit vieler spürbar: Wurden 2006 in Sachsen 33,5 Prozent der Unter-Drei-Jährigen in Kinderkrippen und von Tagesmüttern betreut, waren es 2011 bereits 44,1 Prozent.

Doch angesichts der Armut vieler Kinder dürfen der Ausbau von Kinderbetreuung und eine stärkere finanzielle Unterstützung von Eltern nicht gegeneinander ausgespielt werden, sagt Ullrich Gintzel, Professor für Sozialarbeit an der Evangelischen Hochschule Dresden. Allein in Sachsen lebt fast jedes vierte Kind in Armut und von Hartz-IV. Ein Bündnis aus acht Sozial­verbänden, dem auch der Dresdner Wissenschaftler Gintzel angehört, fordert deshalb eine Grundsicherung von 536 Euro monatlich pro Kind. Auch der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider sowie SPD und Grüne in Sachsen plädieren für solch ein Modell.

»Im Moment haben wir ein System, das Familien mit geringen Einkommen diskriminiert«, sagt der Sozialwissenschaftler Gintzel. Denn vom Ehegatten-Splitting und dem Steuer-Freibetrag für Kinder profitieren am meisten Gut- und Spitzenverdiener. Gegen diese machtvollen Gruppen ist eine Reform schwer – doch ohne eine Umverteilung der Milliarden wird die Grundsicherung nicht zu finanzieren sein.

100 oder 150 Euro Betreuungsgeld wirken da wie eine Beruhigungspille für bürgerliche Hausfrauen. Die Ärm­sten bleiben ausgeschlossen.

Andreas Roth

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