Der Himmel soll warten?

© olly www.fotolia.com

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Obwohl der Himmel mit Glück in Verbindung gebracht wird, haben viele Menschen heute Angst vor dem Himmel – er ist das Ende dieses Lebens. So schnell will niemand gen Himmel fahren.

Kaum ein Tag in den letzten Monaten, an dem nicht dieses Pop-Lied im Radio lief: »Ich ruf’ es nach oben, der Himmel soll warten / Denn ich hab noch was vor, der Himmel muss warten.«

Man kann nicht sagen, dass die heutigen Menschen keinen Bezug zum Himmel hätten. Der Himmel ist in aller Munde. Ob es nun die Werbung ist, die eine Automarke als »einfach himmlisch« preist oder ob es Herbert Grönemeyer ist, der über seine Frau singt: »Es war ein Stück vom Himmel, dass es dich gibt …«.

Ist der Himmel also nicht mehr leer? Kehrt auf leisen Sohlen der Himmel zurück ins Weltbild? Manches spricht dafür. Auffallend ist, mit welcher Mühelosigkeit eine transzendente Kategorie wie »der Himmel« heute verwendet wird.

Doch wie überweltlich ist dieser Himmel, der in den Liedern, Werbespots und Redensarten vorkommt? Er scheint doch eher eine innerweltliche Angelegenheit zu sein. Er wird mit Glück, Genuss und Liebe in Verbindung gebracht. Dieser Himmel wird nicht von Gott gemacht, sondern von einem Liebespartner, einem Stück Schockolade oder einem Erfolgserlebnis.

Und doch schwingt darin die alte Erinnerung mit, dass der Himmel zum Ganzsein, Heilsein, Erfülltsein führt. Allerdings scheint der neuzeitliche Himmel ohne Gott auszukommen – der Himmel auf Erden eben.

Würde man die Menschen nach dem überweltlichen Himmel befragen, stieße man vermutlich auf Angst. Dieser Himmel ist ihnen unheimlich.

»Der Himmel soll warten!« – die eingangs zitierte Liedzeile dürfte den meisten Menschen aus der Seele sprechen. Der jenseitige Himmel scheint so gar nichts mehr mit Genuss, Glück und Liebe zu tun zu haben. Dieser Himmel bedeutet das Ende dieses Lebens, dieses Körpers, all des kleinen Glücks, dessen »Himmlischkeit« einen hier verzückt. Dieser Himmel macht Angst.

Zugespitzt hat dieses Angst-Bild des Himmels der vor knapp zwei Jahren verstorbene Künstler Christoph Schlingensief. Als er an Krebs erkrankte, schrieb er von seiner Liebe zu diesem Leben. »So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein!«, nannte er sein Krebstagebuch. Der Himmel bedeutete ihm die Auslöschung all dessen, was ihm hier Glück ist: Die Liebe zu seiner Frau, die Arbeit als Künstler, das Hören einer Oper von Richard Wagner. Der eigentliche Himmel ist für Schlingensief wie wohl für die meisten seiner Zeitgenossen hier auf der Erde. Und das, was in früheren Zeiten der Himmel war, jene vollendete Welt Gottes, verursacht größtes Unbehagen. »Ich habe keinen Bock auf Himmel«, sagte Schlingensief.

Was Menschen in früheren Zeiten inständig erbeten haben – »O Heiland reiß die Himmel auf« – gilt heute als etwas, das ruhig noch eine Weile warten kann. Der Himmel ist kein Trost mehr, er ist Horror. Die Endzeit des Lebens wird nicht vorgestellt als Übergang in ein Friedensreich, in dem kein Leid, kein Tod und kein Geschrei mehr ist, sondern als Übergang ins Nichts, als Ende des eigenen Lebens, als Ende des Ichs.

Unter der Oberfläche der leichten Rede vom Himmel, zeigt sich eine religiöse Hilflosigkeit, die in Bezug auf die letzten Fragen trostlos ist. Doch wie, wenn der jenseitige Himmel gar nicht so fern und fremd ist? Wenn das, was im Tod körperlich endet und »im Himmel« ist, nur unseren Augen entzogen, aber doch eine Seite des Lebens, des großen Ganzen bleibt?

Jesus sagt seinen Jüngern zum Abschied: »Ihr sollt sein, wo ich bin.« Es könnte sein, dass es weder Diesseits noch Jenseits, weder Himmel noch Erde gibt, sondern nur die große Einheit, in der wir von guten Mächten wunderbar geborgen sind.

Stefan Seidel

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