Aufbruch mit Karteileichen

Vor dem Laden in der Zwickauer Bahnhofstraße ist Kirche im Aufbruch: Pfarrer Jens Buschbeck, Daniela Hommel, Margrith Stöcker, Thomas Mayer, Anja Stöcker und ihr Vater (v. l.). Foto: Steffen Giersch

Vor dem Laden in der Zwickauer Bahnhofstraße ist Kirche im Aufbruch: Pfarrer Jens Buschbeck, Daniela Hommel, Margrith Stöcker, Thomas Mayer, Anja Stöcker und ihr Vater (v. l.). Foto: Steffen Giersch

Pfingsten ist Geburtstag der Kirche. Heute aber scheint der Geist ihres Beginns verflogen – sie wird älter und kleiner. In einem Laden in Zwickau wird klar: Es geht auch anders.

Der erste Geist, der im Gottesdienst in einem Zwickauer Laden weht, ist der Geist des Videoprojektors – genauer gesagt: Der Projektor hat seinen Geist soeben aufgegeben. Ausgerechnet Sonntag kurz vor zehn.

Pfarrer Jens Buschbeck läuft unruhig hinaus auf die Bahnhofstraße. Ohne Projektor geht nichts in der Luthergemeinde. Nicht bei den poppigen Liedern, die Alte und Junge vom Videobild an der Wand hinterm Altar ablesen. Nicht bei der Predigt, die Jens Buschbeck mit Selbstironie und bunten Bildchen würzt. »Gott greift in das Leben von Menschen ein, die eigentlich meinen, gottgefällig und auf dem richtigen Weg zu sein«, sagt der Theologe – ohne Talar, sondern im Anzug.

»Aus einer traditionellen Religion wird ein Gott, der Menschen aus den Sattel wirft.« Pfingsten war so ein Moment. Gottes Geist fiel auf die verzagten Freunde Jesu. In der Zwickauer Luthergemeinde weiß man, wovon die Rede ist.

Thomas Mayer (52) erinnert sich noch gut daran, wie er noch vor einem Jahr sonntags die Leute in den Gottesdiensten der Luthergemeinde zählte. Waren es 17, war er froh. Jetzt sind es 60. Mayer ist Vorsitzender des Kirchenvorstandes, Hausmeister von Beruf – und kein Schwärmer. »Wir konnten dieses Problem nicht lösen«, sagt er, »aber wir haben vor 13 Jahren angefangen, für einen Aufbruch zu beten«.

Was Thomas Mayer nicht wusste: Auch Junge Christen um den damaligen Zwickauer Jugendpfarrer Jens Buschbeck taten das. Der hatte von Besuchen in der englischen Kirchgemeinde Belton eine Idee mitgebracht. »Kirche pflanzen« nennen sie die Anglikaner: Aus einer etablierten Gemeinde wächst eine neue Gemeinde für Menschen, die bisher nicht den Weg zu ihr fanden. Schließlich, und am wenigsten vermutet, war da noch das Landeskirchenamt und spendierte im März 2011 der Luthergemeinde für sechs Jahre eine Pfarrstelle – als Modellprojekt für ganz Sachsen.

Gäbe es die Ladenkirche in der Bahnhofstraße nicht, säße Daniela Hommel wohl heute nicht im Gottesdienst. Dabei hatte die 27-jährige Innenarchitektin in einigen Zwickauer Gemeinden eine Heimat gesucht. »Doch die Kirche war mir lange zu weltfremd«, sagt die als Kind getaufte Frau. »Ich konnte mich nicht identifizieren, meinen Glauben so zu leben.« Heute macht sie für die Luthergemeinde, in der Pop statt Barock gespielt wird und der Pfarrer den E-Bass zupft, die Öffentlichkeitsarbeit.

Es sind Christen wie Daniela Hommel, die auf den Holzstühlen hinter den Schaufenstern der Ladenkirche eine neue Heimat finden. Junge Familien, Ältere, die oft beklagten Karteileichen. Gesichter aus den unbekannten 95 Prozent der Kirchenmitglieder. Nicht-Christen indes kommen selten. Das soll sich noch ändern.

Als im Gottesdienst der kleine Lenn getauft wird, nimmt Kirchvorsteher Thomas Mayer eine junge Frau an die Hand, damit sie zusehen kann. Anja Stöcker ist geistig behindert. »Hier sind wir angenommen mit allen Höhen und Tiefen«, sagt Anjas Mutter Margrith Stöcker (60). Noch etwas hat sie hier gelernt: Dass sie vor anderen Menschen reden kann. Margrith Stöcker begrüßt Gottesdienstbesucher, liest aus der Bibel, spricht Gebete.

Und sie bereitet im Gottesdienst-Team die Predigt mit vor, zusammen mit Ärzten, Arbeitslosen und Angestellten – und Pfarrer Jens Buschbeck. Während der Predigt können die Zuhörer ihre eigenen Gedanken beisteuern. »Das ist spannend«, sagt Margrith Stöcker, »weil jeder andere Erfahrungen mitbringt.«

So ist die Theologie in der Ladenkirche an der Bahnhofstraße: Jeder ist berufen. »Der Heilige Geist führt dazu, dass Menschen über das reden, was in ihren Herzen ist«, sagt Pfarrer Jens Buschbeck. »Das ist Pfingsten – und das erlebe ich hier.«

Andreas Roth

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