Shoppen für Spenden

Klingt fast paradiesisch: Einkaufen und ganz nebenbei etwas Gutes tun.  Online-Händler bezahlen einen Spende für jeden Kunden, der über das Internetportal bildungsspender.de zu ihnen findet. Der Kunde kann bestimmen, an welche Einrichtung das Geld fließt. Grafik: bildungsspender.de

Klingt fast paradiesisch: Einkaufen und ganz nebenbei etwas Gutes tun. Online-Händler bezahlen einen Spende für jeden Kunden, der über das Internetportal bildungsspender.de zu ihnen findet. Der Kunde kann bestimmen, an welche Einrichtung das Geld fließt. Grafik: bildungsspender.de

 
Evangelische Jugendverbände werben für einen Einkauf im Internet. Sie erhalten dadurch Spenden – und Konzerne neue Kunden.

Es klingt wie eine Geschichte aus dem Schlaraffenland: »Noch nie war es leichter, Gutes zu tun, ohne dafür mehr Geld auszugeben«, wirbt die Evangelische Jugend Marienberg in einer E-Mail an Jungen und Mädchen: »Und es geht mega-einfach!!!« Die Jugendlichen müssen nur kaufen – und zwar über die Internetseite bildungsspender.de. Bei ihr hat sich die Evangelische Jugend Marienberg registrieren lassen.

Kaufen Jugendliche über diese Plattform bei einem der 1310 Online-Händler wie Amazon und ebay und klicken dabei auf den Jugendverband, erhält er eine Provision von den Handelsfirmen als Spende – bei Amazon beispielsweise 2,50 Euro bei einem Kauf von 25 Euro.

3056 Vereine, Kirchgemeinde, Kindergärten und Schulen sammelten seit 2009 insgesamt 973 677 Euro über das gemeinnützige Internetportal. Auch sächsische Kirchgemeinden, evangelische Kindergärten und Schulen sind darunter.

In der Spitzengruppe der Spendensammler liegt der CVJM Reichenbach, der 5524 Euro auf diesem Wege einwarb. Der Landesverband des CVJM konnte für ein Ten Sing-Musikprojekt 563 Euro sammeln, das Evangelische Schulzentrum Muldental 1267 Euro für den Ausbau des Gymnasiums, die Evangelische Jugend Freiberg 152 Euro für eine Jugendbegegnung in Papua-Neuguinea. Auch die Evangelische Jugend Chemnitz, evangelische Mittelschulen in Dresden und Gaußig sind bei bildungsspender.de dabei. Sie erhalten Geld für den guten Zweck – und die Konzerne Kunden. Alles gut?

Es ist nicht so, dass die christlichen Einrichtungen den Internetkonzernen nichts zahlen – sie zahlen nur anders. Nämlich mit der härtesten Währung, die das Internet kennt: Mit Kontakten zu Menschen. Wie wertvoll sie sind, zeigte der milliardenschwere Börsengang von Facebook im Mai. Der CVJM Sachsen wirbt offensiv per E-Mail unter Jugendlichen für den Online-Einkauf: »Ganz clever und kostenlos könnt ihr uns unterstützen, indem ihr eure Online-Einkäufe über den Bildungsspender tätigt.«

Die Evangelische Jugend Marienberg kündigte eine »große Kampagne in allen Jugendgruppen und Gemeinden« dafür an. Während die kirchlichen Einrichtungen davon ausgehen, dass die Jugendlichen ohnehin im Internet shoppen und jetzt nur einen gemeinnützigen Umweg gehen sollen, warnt der Medienpädagoge Frithjof Nürnberger: » Sie machen sich meist kaum die Mühe zu hinterfragen, welche Systeme und Strategien letztendlich dahinter stecken« (siehe Interview unten).

Die Firma Bildungsspender.de ist Partner des Werbeprogramms des Branchenriesens Amazon. In der Tat kaufen die meisten Anhänger der evangelischen Einrichtungen auf der Plattform bei Amazon ein, auf Platz zwei folgt der Mega-Gemischtwarenladen von ebay. Auch wenn es nur relativ kleine Zahlen sind: Die Spendensammler tragen damit zum Ausbau der beherrschenden Marktstellung der Internet-Riesen bei. Und werden zum Rädchen im Kampf um die Marktanteile der Zukunft.

Andreas Roth

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