Mehr Erde wird’s nicht

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Mehr, größer, besser – das will die Wirtschaft und das will der Kunde. Doch mehr werden dadurch auch Umweltzerstörung und Ungerechtigkeit. Christen in Sachsen wollen umsteuern.

Die Kritik am Wirtschaftswachstum tut derzeit vor allem eines: Sie wächst selbst. War sie vor kurzem noch etwas für grüne Spezialisten, macht sie nun Karriere auf breiter Bühne. In Rio werden die Regierungschefs der Welt ab dem 20. Juni gemeinsam auf die bescheidenen Erfolge beim Kampf gegen Umweltzerstörung, Klimawandel und Armut blicken. Experten wissen längst: Ohne eine Abkehr vom Ziel ständigen Wirtschaftswachstums wird es nicht besser.

Derweil wirbt der neue französische Präsident François Hollande für noch mehr Wachstum als Ausweg aus der Euro-Krise. Und der Club of Rome – jener Kreis renommierter Wissenschaftler, der bereits vor 40 Jahren vor den Grenzen des Wachstums warnte – zeichnete im Mai ein düsteres Zukunftsszenario als Folge eines verschwenderischen Lebensstils: Mehr Dürren, mehr Fluten, mehr Flüchtlinge.

Spätestens seit dem Kirchentag in Dresden wird darüber auch in der evangelischen Kirche breit diskutiert. Maßgeblich angeschoben hat dies die sächsische Initiative »anders wachsen« mit einer Unterschriftensammlung. »Wir wollen, dass sich die EKD mit einer Öffentlichkeitskampagne klar zu Alternativem zum Wirtschaftswachstum positioniert«, sagt Pfarrer Walter Lechner aus dem nordsächsischen Frauenhain, der zu dem fünfköpfigen Initiativkreis gehört.

1250 Unterschriften haben sie bisher für dieses Ziel gesammelt – und manchen prominenten Unterstützer geworben. Darunter so unterschiedliche Persönlichkeiten wie die Präses der EKD-Synode und Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt und der konservative Vordenker Meinhard Miegel, der frühere Pfarrer der Leipziger Nikolaikirche Christian Führer und der evangelistische Liedermacher Wolfgang Tost. Der Theologe Fulbert Steffensky unterstützt die sächsische Initiative und bezeichnet das ungebändigte Wachstum als »Götzen«, der sächsische Landesbischof Jochen Bohl warnt vor den »zerstörerischen Folgen der Wachstumsideologie«.

Die mitteldeutsche Landesbischöfin Ilse Junkermann fordert die »Rückbindung an Gottes Gebote, damit jeder Mensch ein Auskommen hat«. Sie schreibt für die Initiative: »Der Gott, wie er uns in der Bibel bezeugt ist, ist ein leidenschaftlicher Eiferer für Gerechtigkeit, damit alle leben können.«

Am Buß- und Bettag, dem 21. November, will die Initiative »anders wachsen« mit einem Veranstaltungstag in Leipzig, an dem Margot Käßmann in der Thomaskirche predigen wird, ihren Abschluss finden. Bis dahin – so ihr Ziel – soll sich die EKD-Synode die Kampagne zu eigen gemacht haben. Es gibt Anzeichen dafür. Erst im Mai sagte der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider: »Wachstum darf nicht länger ein Fetisch unserer Gesellschaft sein«. Die Losung des Hamburger Kirchentages im nächsten Jahr lautet: »Soviel du brauchst« – und nicht mehr.

Noch entscheidender vielleicht ist aber, dass auch evangelische Unternehmer das Thema aufgreifen. »Biblisch ist ganz klar: Wachstum ist Leben, und Leben ist Entwicklung«, sagt der Dresdner Wirtschaftsanwalt Olaf Seidel. »Aber Wachstum muss nachhaltig sein – nicht nur ökonomisch, sondern auch ökologisch und sozial.« Olaf Seidel saniert ins Schlingern geratene Firmen und arbeitet als Insolvenzverwalter – erst in den letzten Wochen hat er im Arbeitskreis evangelischer Unternehmer in Dresden die Kritik am Wirtschaftswachstum diskutiert.

»Wachstum heißt nicht nur: immer mehr – sondern es kann auch heißen: immer besser, um es von einem steigenden Ressourcenverbrauch zu entkoppeln«, sagt Olaf Seidel. »Doch das Tempo des Wirtschaftswachstums gibt jeder Verbraucher vor. Jeder entscheidet selbst, ob er bereit ist, Verzicht zu üben.«

Andreas Roth

www.anders-wachsen.de

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