Brücke in Gefahr

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Im Streit um gleichgeschlechtliche Paare in Pfarrhäusern hat die sächsische Landessynode unter großen Anstrengungen einen Kompromiss errungen – doch konservative Christen sehen darin eine Abkehr von Bibel und Bekenntnis.
 

Lutz Scheufler<br />
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(Foto: Thomas Kretschel/
Evangelisationsteam)

Eine Brücke wollte die Synode mit ihrer Entscheidung zu homosexuellen Partnerschaften im April bauen – nur drei Monate später steht diese Brücke vor einer harten Belastungsprobe. Risse zeichneten sich von Anfang an ab. Jetzt hat das Evangelisationsteam die Steinsäge ausgepackt. Die sieben Christen um den pensionierten Pfarrer Theo Lehmann, den landeskirchlichen Jugendevangelisten Lutz Scheufler und den Marienberger Bezirksjugendwart Michael Rausch rufen in einer Erklärung den »status confessionis« aus: Sie sehen in der Öffnung von Pfarrhäusern für homosexuelle Partnerschaften eine Verletzung des Bekenntnisses und eine Abkehr von der Bibel.

»Den Landesbischof, die Kirchenleitung und die Landessynode erkennen wir nicht mehr als geistliche Leitung unserer Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens an«, heißt es in der Erklärung der Missionsgruppe. »Die Sächsische Bekenntnis-Initiative bitten wir eindringlich, dass diese umgehend eine Bekenntnissynode gründet.« Die letzten Bekenntnissynoden fanden sich vor über 69 Jahren zusammen – um sich gegen die Übergriffe des Nationalsozialismus zu wehren.

Die Sächsische Bekenntnis-Initiative, in der sich 106 Kirchgemeinden und 7970 Christen gegen eine Akzeptanz von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften bei Pfarrern wenden, lehnt den Vorschlag indes ab. »Im Unterschied zum Evangelisationsteam wollen wir die geistliche Legitimation unseres Landesbischofs, unserer Kirchenleitung und unserer Landessynode nicht in Frage stellen«, heißt es in einer Erklärung der Bekenntnis-Initiative. Sie will an dem von der Synode beschlossenen dreijährigen Gesprächsprozess über das Verständnis von Bibel und Homosexualität festhalten.

»Der Aufruf des Evangelisationsteams zerstört in gewisser Weise die Kommunikation«, sagt der Markersbacher Pfarrer Gaston Nogrady von der Bekenntnis-Initiative. »So eine Aussage könnte vielleicht am Ende des dreijährigen Prozesses stehen, wenn kein Aufeinanderzugehen möglich ist.«

Mit scharfen Worten kritisiert Landesbischof Jochen Bohl die Stellungnahme des Evangelisationsteams. »Weil sie das Gespräch verweigert, kann sie nicht anders verstanden werden als eine Aufkündigung der Gemeinschaft«, schreibt er. »Die Illoyalität gegenüber den Leitungsorganen und der Aufruf zur Spaltung der Landeskirche sind beispiellos.« Ob die Mitarbeiter der Landeskirche unter den Unterzeichnern mit Sanktionen rechnen müssen, ist offen.

Der Bischof legt den Finger in die theologische Wunde: Die kritischen Bibelstellen zur Homosexualität im 3. Buch Mose und im Römerbrief stünden »nicht im Zentrum der biblischen Botschaft, sondern die Frohe Botschaft von Kreuz und Auferstehung Christi und die Rechtfertigung des Menschen allein aus Gnade«.

Die Meinungsverschiedenheiten darüber gehen durch die Landeskirche. Auf der Synode haben die Vertreter der Bekenntnis-Initiative für einen Kompromiss gerungen – zurück an der Basis schlug ihnen vielerorts Unverständnis entgegen. »Ich hätte mir mehr Durchhaltevermögen der Bekenntnis-Initiative gewünscht«, sagt Matthias Weiß, Leiter der Landeskirchlichen Gemeinschaften im Bezirk Annaberg. »Ein Großteil unserer Gemeinschaft ist nicht sehr glücklich über den Landessynodenbeschluss vom April.«

Auch konservative Christen in anderen Regionen Sachsens kritisieren den Kompromiss. »Der Synodenbeschluss ist für viele unbefriedigend, weil er versucht, niemanden weh zu tun und deshalb eine klare Linie vermeidet«, sagt Rolf Müller, Bezirksleiter der Landeskirchlichen Gemeinschaften in der Region Chemnitz. »Der Aufruf des Evangelisationsteams ist ein hartes Brot – aber es ist ein gutes, klares Wort, das viele in der Landeskirchlichen Gemeinschaft als notwendig erwartet haben.«

Stefan Seidel und Andreas Roth

Die Erklärung des Landesbischofs Jochen Bohl im Wortlaut:

Die »Stellungnahme« des Evangelisationsteams habe ich, wie alle an der Leitung der Landeskirche Beteiligten, befremdet und mit Bedauern zur Kenntnis genommen. Sie wird dem langen Diskussionsprozess in der Landeskirche in keiner Weise gerecht und versucht dies gar nicht erst. Sie verzeichnet die Beschlüsse von Kirchenleitung und Synode in verletzender Weise und stellt sich gegen das Bemühen, trotz bestehender Meinungsunterschiede beieinander zu bleiben. Weil sie das Gespräch verweigert, kann sie nicht anders verstanden werden als eine Aufkündigung der Gemeinschaft. Die Illoyalität gegenüber den Leitungsorganen und der Aufruf zur Spaltung der Landeskirche sind beispiellos.

Die »Stellungnahme« bleibt zudem unverständlich, weil sie sich nicht die Mühe macht, die Erklärung des status confessionis auch nur ansatzweise zu begründen. Die Unterzeichner scheinen zu ahnen, dass dies nicht möglich ist angesichts der wenigen Aussagen in der Heiligen Schrift zur Frage der Homosexualität und deren Verhältnis zu ihrem Gesamtzeugnis. Levitikus 18 und Römer 1, 26 stehen nicht im Zentrum der biblischen Botschaft, sondern die Frohe Botschaft von Kreuz und Auferstehung Christi und die Rechtfertigung des Menschen allein aus Gnade.

Die »Stellungnahme« ist anmaßend, weil sie andere Auffassungen, zu denen Christenmenschen in ihrem Bemühen um das Verständnis der Heiligen Schrift gekommen sind, nicht gelten lässt. In ihrem Bezug auf die Bekenntnissynode von 1934 kommt nicht nur kirchengeschichtliches Unverständnis, sondern auch eine ungeistliche Missgunst zum Ausdruck, die erschrecken lässt.

Demgegenüber ist daran zu erinnern, dass die Landessynode ihre Beschlüsse ausdrücklich in ihrer »Verantwortung für die Einheit der Landeskirche« gefasst hat. Ich bin sicher, dass dieses Bemühen breite Unterstützung findet.

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