Knalltrauma

Mohammad Abid Sayal mit den Scherben seiner Existenz. Nach dem Sprengstoffanschlag auf seine Pizzeria in Geithain am 12. Mai will er sein Geschäft bis zur Ermittlung der Täter nicht wieder öffnen. (Foto: Wiegand Sturm)

Mohammad Abid Sayal mit den Scherben seiner Existenz. Nach dem Sprengstoffanschlag auf seine Pizzeria in Geithain am 12. Mai will er sein Geschäft bis zur Ermittlung der Täter nicht wieder öffnen. (Foto: Wiegand Sturm)

Nach einem Sprengstoffanschlag auf eine Pizzeria in Geithain kämpft die christliche Bürgermeisterin gegen Rechtsextremismus – und der Pfarrer für eine offene Kirche.
 

Geithain, kurz nach Mitternacht am 12. Mai: Ein lauter Knall reist Pfarrer Markus Helbig aus dem Schlaf. »Das war nicht normal«, huscht es durch seinen Kopf. Er springt auf und sieht zum Fenster hinaus auf den Marktplatz der 6000-Einwohner-Stadt. Jemand rennt weg. Der Pfarrer nimmt seinen Hund und läuft quer über den Markt, dorthin, wo der Knall und der Unbekannte herkamen.

Aus einer Pizzeria qualmt es, Scheiben sind zersplittert. Der Pfarrer ist als erster zur Stelle und ruft die Polizei. Eine Lawine kommt ins Rollen.

Was seit dem Sprengstoffanschlag in der Kleinstadt Einzug hält, sind vor allem Polizei, Medien und Gerüchte. Die Sonderkommission Rechtsextremismus ermittelt, »da die Gesamtsituation eine rechtsextremistische Straftat nicht unwahrscheinlich erscheinen ließ«, sagt der Sprecher des Landeskriminalamtes Sachsen, Tom Bernhardt. Der Anschlag ist das fünfte Glied einer Kette von rassistischen Drohungen und Gewalt gegen die Pizzeria und ihre Mitarbeiter.

Dabei hatte der Pakistaner Mohammad Abid Sayal erst zu Jahresbeginn das Geschäft eröffnet. Weil sich die Angriffe immer nur gegen diese Pizzeria richteten, gibt es auch Spekulationen über Rivalitäten bis hin zu mafiösen Geschäftsstrukturen. »Ich dachte, dass wäre wegen Konkurrenz«, sagt der Pakistaner selbst. Die polizeilichen Ermittlungen dauern noch an.

Geithains Bürgermeisterin Romy Bauer. (Foto: Uwe Naumann)

Geithains Bürgermeisterin Romy Bauer. (Foto: Uwe Naumann)

Die Bürgermeisterin Romy Bauer (CDU) glaubt an einen rechtsextremistischen Hintergrund – die mittlerweile zahlreich interessierten Medien tragen ihre Sicht gern weiter. Denn es passt alles in das Bild von Geithain als einem Schwerpunkt rechtsextremer Aktivitäten: Erst im April wurde am Landgericht Leipzig einer von mehreren Überfällen auf Jugendliche verhandelt und wurden drei Schläger verurteilt. Mit Sachbeschädigung und Drohungen an unliebsame Gegner haben auch die Bürgermeisterin und der Pfarrer schon ihre eigenen Erfahrungen gemacht.

Auch Manuel Tripp, den Stadtrat der NPD seit 2009, kennt Romy Bauer gut. »Er ist mit einem meiner Jungs zur Schule gegangen. Anfangs habe ich noch versucht, ihn zurückzugewinnen. Jetzt bete ich für ein inneres Erdbeben bei ihm«, sagt die Christin und Landessynodale. Der Jurastudent war nach eigener Aussage »selbst Mitglied in der evangelischen Gemeinde und wurde mit christlichen Werten erzogen«.

»Dass es jetzt gegen Ausländer geht, ist relativ neu«, sagt Anett Börner von der Initiative Weltoffenes Geithain, einem etwa zehnköpfigen Bürgerbündnis, das sich 2010 nach dem Überfall auf einen Jugendlichen formiert hatte. »Die Stadträte beziehen aber keine Position«, ärgert sich die junge Mutter, wobei sie die Bürgermeisterin von der Kritik ausnimmt. Romy Bauer sorgt sich derweil um das Image der Stadt und ist dankbar für eine stärkere Polizeipräsenz. Demnächst möchte sie alle demokratischen Kräfte in einem »präventiven Rat« bündeln.

Bei einer Benefizveranstaltung für das Anschlagsopfer Sayal Ende Mai war diese Einmütigkeit der demokratischen Parteien spürbar. Viel Prominenz wie Prinzen-Sänger Sebastian Krumbiegel und Landespolizeipräsident Bernd Merbitz waren angereist.»Es war eine gute Veranstaltung«, sagt Markus Helbig, der dafür die Nikolaikirche zur Verfügung stellte. Den Pfarrer ärgert aber unter anderem der Ausschluss von Neonazis bei der Veranstaltung: »Das ist für die Kirche sehr problematisch.« Um offen für alle zu bleiben, hat der Kirchenvorstand ein Ortsgesetz erlassen, wonach der Kirchenraum »nicht für parteipolitische oder ideologische Zwecke missbraucht« werden dürfe. Es gehe um das Evangelium, um Nächstenliebe. »Wir begegnen auch Rechten mit Liebe«, so Helbig.

Romy Bauer, die als Bürgermeisterin für eine klare Position gegen rechts steht, als Gemeindeglied aber Nächstenliebe leben will, hat es schwer, ihre Rolle zu finden: »Es reisst mich selbst hin und her.«

Uwe Naumann

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