Rote Pillen gegen rechts?

so_26

Dürfen Christen nur gegen rechts sein, wenn sie auch gegen links sind? Diese Diskussion verhindert oft ein klares Signal gegen die Ideologie der neuen Nazis – zu Unrecht.
 

»Wenn die Pest wütet, dann bekämpfe ich nicht die Cholera.« Diesen Satz äußerte vor einigen Jahren Oberkirchenrat Christhard Wagner aus Erfurt auf einem Praxistag der Arbeitsgemeinschaft Kirche für Demokratie. Er beschrieb mit diesem Bild sehr treffend die Notwendigkeit, in der gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation der Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus eine Priorität einzuräumen.

Damit ist nicht bestritten, dass auch die Cholera eine tödliche Krankheit ist. Es ist sinnvoll, auch dafür vorbeugende Verhaltenstipps zu kennen und Gegenmittel im Schrank zu haben. Nur werden mir diese gar nichts nützen, wenn ich vorher an der Pest gestorben bin. Daher ist die klare Analyse unerlässlich, welche Krankheit in einer bestimmten Situation am meisten das Leben bedroht.

Die Zeitung »Die Zeit« hat eine detailliert recherchierte Liste veröffentlicht, die 149 Mordfälle rechtsextremer Gewalt seit 1990 dokumentiert. Daraus wird deutlich: Die gezielten Morde der Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund stellen nur den Gipfel eines Eisberges dar, der von Alltagsrassismus und Fremdenfeindlichkeit, übersteigertem Nationalgefühl und der Abwertung Anderer gespeist wird.

Diese Einstellungen entladen sich in einem gewalttätigen Hass gegen Menschen, die oft ohnehin ausgegrenzt und schutzlos sind: Asylbewerber, Menschen mit Migrationshintergrund, Behinderte, Obdachlose. Diese Geisteswelt wird organisiert und ausgebaut von einer NPD, die in Sachsen schon zum zweiten Mal in Folge im Landtag sitzt. Systematisch bemüht sie sich, durch Bürgernähe und Gewöhnung Akzeptanz für ihr neonationalsozialistisches Gedankengut zu gewinnen.

Wie steht es mit dem Linksextremismus? Die Geschichte des Stalinismus zeigt: auch »linke« Positionen können zur Terrorherrschaft führen. Wer in der DDR aufgewachsen ist, kann ein Lied davon singen, wie menschenverachtend diese Auffassungen werden können, wenn sie zur Ideologie verkommen.

Und heute? Die Ära der RAF ist vorbei. Das, was derzeit landläufig als »linksextrem« bezeichnet wird, ist ein buntes Spektrum höchst verschiedener Positionen und Gruppen. Von denen sind nur wenige tatsächlich »extre­mistisch« nach der Definition des Verfassungsschutzes – und dann sind sie politisch nahezu bedeutungslos.

Die Mitgliederzahl der linksextremistischen Parteien ist rückläufig und liegt in Sachsen bei insgesamt 240 Personen. Bei keiner Wahl haben sie nennenswerte Stimmenanteile gewonnen. Daneben gibt es die sogenannte autonome Szene mit laut Verfassungsschutzbericht zirka 370 Personen. Die sind aber keine Stalinisten, sondern eher Anarchisten oder Radikaldemokraten – und entsprechend zersplittert.

Es wird zunehmend bezweifelt, dass die Kategorie des »Linksextremismus« überhaupt eine taugliche Beschreibung für dieses Gemenge ist. Kernkraftgegner und Sitzblockierer sind nicht per se Staatsfeinde. Das Hauptthema der sogenannten »Linksextremisten« ist in erster Linie der Kampf gegen den Rechtsextremismus. Darf man mit möglichen Linksextremen gemeinsam gegen einen rechten Aufmarsch demonstrieren?

In der Medizin hat man in solchen Fragen weniger Angst als in der Politik. Sogar tödliches Schlangengift wird in richtiger Dosierung als hoch wirksame Medizin eingesetzt. Christen sind von ihrem Glauben aufgefordert, Partei für die Schwachen und Verfolgten zu ergreifen. Die Nächstenliebe erfordert es, gegen die jetzt drängenden Krankheiten anzugehen.

Harald Lamprecht

Dr. Harald Lamprecht ist Beauftragter für Weltanschauungsfragen der sächsischen Landeskirche.

Den ganzen Beitrag lesen auf: ⇒ DER SONNTAG [Sachsen]