Präsident auch von Christen

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Seit einer Woche hat Ägypten mit Mohammed Mursi einen neuen Präsidenten, den ersten frei und demokratisch gewählten in seiner langen Geschichte. Das ist ein wichtiger Meilenstein, schließlich wurde damit eines der Ziele der Protestbewegung in dem Land am Nil erreicht.

Doch die Übernahme der Präsidentschaft durch den ausgewiesenen Islamisten Mursi wirft auch Fragen und Ängste auf. Nicht nur ­Christen befürchten einen Religionsstaat, Frauen befürchten Benachteiligungen, Demokraten den Verlust der gerade gewonnenen Freiheit.

Mursi allerdings versteht es bislang, durch Worte und Gesten diesen Ängsten entgegenzuwirken: Sofort nach seiner Wahl zum neuen Präsidenten hat er die Mitgliedschaft in der Muslimbruderschaft aufgekündigt und ist aus der Freiheits- und Gerechtigkeitspartei, dem politischen Arm der Muslimbrüder, ausgetreten. Er wolle Präsident aller Ägypter sein, er beschwört die Gleichberechtigung von Christen und Muslimen.

Ob Mursi aber das umsetzen kann, was er vorgibt zu wollen, bleibt fraglich. Zwar ist er der Präsident, doch das Parlament ist aufgelöst und eine neue Verfassung gibt es nicht. Der oberste Militärrat hält die Hand über die Staatskasse und die Gesetzgebung, über Polizei und Armee. Und auch die Generäle fürchten den Religionsstaat. Andererseits erwarten die Islamisten von Mursi für ihre politische Unterstützung eine Politik der »islamischen Renaissance«, mit der vor der Wahl geworben wurde. Beide Seiten darf Mursi nicht vor den Kopf stoßen.

Seine ersten Reden und Taten haben hohe Symbolkraft. Es scheint, als ob der »Arabische Frühling« einen Präsidenten hervorgebracht hat, der den Ausgleich in dem zerrissenen Land am Nil wirklich will.

Uwe Naumann

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