Jesu Kelch auch für Kinder?

»Lasset die Kindlein zu mir kommen«: So nannte Fritz von Uhde (1848–1911) sein 1884 entstandenes Bild. Der im sächsischen Wolkenburg geborene Maler – sein Vater war Präsident des  Evangelischen Landeskonsistoriums Sachsen – wollte mit seinen religiösen Bildern Geschichten des Neuen Testaments lebendig werden lassen.  (Repro: Museum der bildenden Künste Leipzig)

»Lasset die Kindlein zu mir kommen«: So nannte Fritz von Uhde (1848–1911) sein 1884 entstandenes Bild. Der im sächsischen Wolkenburg geborene Maler – sein Vater war Präsident des Evangelischen Landeskonsistoriums Sachsen – wollte mit seinen religiösen Bildern Geschichten des Neuen Testaments lebendig werden lassen. (Repro: Museum der bildenden Künste Leipzig)


Es gibt Kinder in Sachsen, die dürfen in ihrer Kirchgemeinde am Heiligen Abendmahl teilnehmen – in der Nachbarkirche jedoch nicht. Denn seit 1983 darf jede Gemeinde der sächsischen Landeskirche selbst über die Zulassung von Kindern zum Abendmahl entscheiden.

Die Ausschüsse für Theologie und Bildung der Landessynode wollen das ändern und fragen deshalb die Kirchenbasis nach ihrer Meinung. 70 Rückmeldungen gibt es bislang – bis Ende August können sächsische Kirchgemeinden noch ihr Votum abgeben.

 
Ja, sagt die Kirchgemeinde Rodewisch.

Hier dürfen Kinder das Abendmahl mitfeiern – denn auch sie spüren die Gemeinschaft mit Christus.

Wenn in der Rodewischer St.-Petri-Kirche Abendmahl gefeiert wird, stehen zwischen den Erwachsenen ganz selbstverständlich Kinder vor dem Altar und halten ihre Hände auf für Brot und Wein. Oder genauer: Für Brot und Traubensaft. »Das Abendmahl ist nicht nur etwas Ernsthaftes, die Erinnerung an das Kreuz und die Vergebung unserer Sünden – es ist auch etwas Schönes«, sagt Pfarrerin Beate Hadlich. »Wir feiern die Versöhnung mit Gott, die Gemeinschaft mit Christus und der Gemeinde.« Die Theologin ist überzeugt, dass Kinder dafür eine ganz besondere Wahrnehmung haben.

In der Vogtlandstadt Rodewisch lädt die Gemeinde schon seit 1985 Kinder zum Abendmahl ein – und ist noch immer allein damit im Kirchenbezirk Auerbach. Zwei Jahre zuvor hatte die sächsische Landeskirche ihren Gemeinden freigestellt, Jungen und Mädchen ab acht Jahre nach einer Unterweisung zu dem Sakrament zuzulassen.

In Rodewisch werden alle Erstklässler in der Christenlehre zum Abendmahl eingeladen. In diesem Jahr entschieden sich die Hälfte der Eltern dafür, im letzten Jahr ein Drittel – meist Familien, die ohnehin zur Kerngemeinde gehören. In vier Stunden versucht Pfarrerin Beate Hadlich, den Kindern in der Christenlehre das Sakrament nahezubringen. Am Freitag vor ihrem ersten Abendmahl, das in Rodewisch traditionell im Frühjahr gefeiert wird, gibt es auch noch eine kleine Auffrischung für die Eltern.

Ist die Konfirmation dann wertlos? »Nein, sie ist für die jungen Leute das eigene Ja zu ihrer Taufe und ein Segen auf ihrem Lebensweg«, sagt die Pfarrerin. »Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Kinder in dem jüngeren Alter aufmerksamer und empfänglicher für den Schatz der Eucharistie sind als in den Jahren des Konfirmandenunterrichts und der Pubertät.«

In Rodewischs Schwestergemeinde in Rothenkirchen und Wernesgrün nur wenige Kilometer weiter dürfen Kinder jedoch nicht zum Abendmahl. Weil viele Familien solche Unterschiede vielerorts in Sachsen nicht verstehen, will die Landessynode im Herbst eine einheitliche Regelung schaffen.

Und was passiert, wenn einiger der nicht getauften Kinder aus der Christenlehre zum Abendmahl möchten? Dann müsse der Kirchenvorstand neu entscheiden, meint Pfarrerin Beate Hadlich. »Aber Jesus hätte auch keinen weggeschickt.«
 

Nein, sagen die Kirch­gemeinden Hartmannsdorf und Bärenwalde.

Vor dem Abendmahl muss das bewusste Bekenntnis stehen.

Kinder sind beim Abendmahl in den Kirchen von Hartmannsdorf und Bärenwalde bei Zwickau herzlich willkommen. Sie werden gesegnet – doch Brot und Wein erhalten sie hier wie in den meisten sächsischen Kirchen erst nach der Konfirmation. Und das soll auch so bleiben. Die Kirchenvorsteher der Schwesterkirchgemeinden haben dafür eine Begründung an die Landessynode geschickt, denn deren Ausschüsse wollen künftig Kinder in der gesamten Landeskirche zum Abendmahl zulassen – und fragen deshalb die Gemeinden nach ihrer Meinung.

»Die Teilhabe am Heiligen Mahl bedeutet, den gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus bewusst zu empfangen und damit sein rettendes Handeln anzunehmen«, schrei­ben die Kirchenvorsteher. »Das Mitfeiern darf nicht nur eine äußere, formale oder emotionale Angelegenheit sein, sondern ist ein geistliches Geschehen.« Auch wenn die Gnade Gottes am Anfang des Glaubens stehe – ihr Ziel seien Taufe und Bekenntnis. Deshalb halten die beiden Kirchgemeinden die Konfirmation, bei der junge Menschen sich öffentlich zu Christus bekennen, weiterhin für den richtigen Zeitpunkt für das erste Abendmahl.

Hinzu kommen eine Reihe praktischer und seelsorgerlicher Probleme. »Unsere Gottesdienste werden von verhältnismäßig vielen Kindern besucht, die noch nicht getauft sind«, schreiben die Kirchgemeinden. »Bei genereller Einführung des Abendmahls mit Kindern entfiele unsachgemäß die Taufe als Voraussetzung – oder aber nicht getaufte Kinder wären bei der Abendmahlsfeier ausgeschlossen und würden sich auch ausgegrenzt fühlen.« Beides wollen die Gemeinden verhindern. Und sie fragen, wie der Pfarrer beim Austeilen des Sakraments unterscheiden könne, wer von den Kindern vorm Altar getauft ist und wer nicht.

Die Kirchgemeinden Hartmannsdorf und Bärenwalde sagen Nein zum Vorschlag der Synode. »Eine verbindliche Einführung des Abendmahls mit Kindern per Kirchengesetz hielten wir für problematisch und nicht nachvollziehbar, weil damit Gemeinden unter Druck gesetzt und ernst zu nehmende Bedenken theologischer, seelsorgerlicher und praktischer Art übergangen würden.«

Sie wollen an der bisherigen Regelung von 1983 festhalten: Jeder Kirchenvorstand soll nach eigenem Gewissen frei entscheiden können.

Andreas Roth

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