Immer dünner

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Die Kirchenbezirke haben entschieden: Jetzt ist klar, in welchen Gemeinden Stellen gekürzt werden. Der Gürtel wird enger – für manche zu eng.

Alles wird in der Kirche unaufhaltsam immer weniger? Wenn Kantor Andreas Rockstroh in seine Chöre, Kurrenden und Instrumentalgruppen in den Erzgebirgsorten Königswalde und Jöhstadt blickt, sieht er etwas anderes: »Trotz sinkender Gemeindegliederzahlen sind die musikalischen Kreise stabil oder wachsen teilweise sogar.« In vielen Orten der sächsischen Landeskirche zeigt sich dieses Phänomen.

Dabei ist die Stelle von Andreas Rockstroh bereits vor 13 Jahren massiv gekürzt worden. In seinen beiden Kirchgemeinden hat er seitdem nur noch eine Anstellung von jeweils 30 Prozent. »Wenn weiter gekürzt wird«, sagt der Kantor aus dem Kirchenbezirk Annaberg, »werden massive Einschnitte kommen«.

Dass der Rotstift durch Sachsens Kirchgemeinden streicht, liegt an einer Zahl: Fast 40 Prozent ihrer Mitglieder gehen der Landeskirche bis zum Jahr 2040 nach heutigen Berechnungen verloren. Und damit auch viel Geld. Die Kirchenleitung hat deshalb mit Billigung der Synode ein Kürzungspaket für die Jahre ab 2014 geschnürt. Bis Juni sollten die Kirchenbezirke überlegen, wo genau sie die vom Landeskirchenamt vorgegebene Anzahl von Stellen einsparen wollen. Es war eine aufwändige Suche nach der Quadratur des Kreises.

Am meisten knirscht es in der Kirchenmusik. Der Kirchenbezirk Annaberg ging deshalb sogar in Widerspruch. Sein Problem: Angesichts der vielen musikalischen Gruppen im Erzgebirge haben viele Gemeinden Pädagogenstellen in Kantorenstellen umgewandelt. Dadurch trifft sie jedoch auch die Kürzung um so härter: 2,3 Kirchenmusikerstellen soll der Kirchenbezirk Annaberg deswegen sparen.

Der Rotstift in der Kirchenmusik trifft in der gesamten Landeskirche vor allem die kleinen, ohnehin gering bezahlten Stellen. »Doch wir dürfen nicht nur Leuchttürme mit hoher Kunst besetzen, sondern müssen auch das flache Land versorgen«, sagt der Marienberger Superintendent Rainer Findeisen. Er plädiert für einen Orgelfond der Landeskirche, der Landgemeinden Geld für Organistenhonorare gibt.

Bei den Gemeindepädagogen suchten einige Kirchenbezirke nach neuen Modellen, um die Kürzungen aufzufangen. So beschloss die Bezirkssynode in Löbau-Zittau, fast alle Gemeindepädagogen zentral beim Kirchenbezirk anzustellen, um sie je nach Bedarf flexibler einsetzen zu können. Auch in Marienberg war das der Plan. Doch für einen problemlosen Wechsel der Mitarbeiter fehlen noch immer die arbeitsrechtlichen Grundlagen in der Landeskirche.

»Wo in der Kinder- und Jugendarbeit viel passiert, soll der Stellenumfang bleiben«, sagt der Annaberger Bezirkskatechet Klaus Mehlhorn. »Wo die Arbeit zurückgegangen ist, wurde gekürzt.« Im Kirchenbezirk Dresden Nord dagegen wurde aufgestockt: Ganze 1,2 Gemeindepädagogen-Stellen. Denn in Dresden wie in Leipzig wachsen einige Gemeinden und sind voller Kinder. Deshalb billigt die Kirchenleitung den Städten mehr Gemeindepädagogen und Kirchenmusiker pro Kopf zu. Dafür erhalten sie weniger Pfarrer als das Land. So muss die Dresdner Laurentiuskirchgemeinde eine halbe Pfarrstelle abgeben – obwohl sie 6000 Gemeindeglieder stark ist und weiter wächst.

Kirchenbezirke wie Großenhain, die schon in den letzten Jahren größere Verbünde geschaffen hatten, haben es mit der neuen Sparwelle leichter. Im Kirchenbezirk Meißen dagegen, wo Gemeinden stark auf ihre Autonomie setzen, sucht man noch bis zum Herbst nach Lösungen.

»Der Schrumpfungsprozess geht weiter«, sagt der Löbauer Superintendent Günter Rudolph mit Blick auf die Kürzungen. »In fünf Jahren steht dasselbe wieder auf der Tagesordnung.«

Andreas Roth

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