Erst hören, dann reden

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Den Streit um Homosexualität und die Auslegung der Bibel soll ein Gesprächsprozess befrieden. Er gewinnt erste Konturen – und wird schon jetzt hart geführt.

Wer befürchtet haben sollte, dass es beim Gesprächsprozess über die Heilige Schrift brav wie im Bibelkreis zugeht, den belehren die Lesermeinungen auf der Internetseite des Sonntag eines besseren. Bibelstellen sitzen dort mitunter wie Faustschläge – freilich mit fromm gehäkelten Handschuhen. So hatte sich die sächsische Landessynode den Gesprächsprozess sicher nicht vorgestellt, den sie im April angeschoben hatte. Schließlich sollte er nach der Entscheidung für eine Öffnung der Pfarrhäuser in Ausnahmefällen für homosexuelle Paare zum Frieden verhelfen.

Mehr als zwei Monate nach dem Synodenbeschluss tagte am Dienstag vergangener Woche erstmals die Steuerungsgruppe für den Gesprächsprozess. Am Tisch saßen die Oberlandeskirchenräte Dietrich Bauer, Peter Meis und Klaus Schurig sowie der Vorsitzende des Sächsischen Gemeinschaftsverbandes Johannes Berthold und der Markneukirchener Pfarrer Carsten Rentzing als Vertreter der Sächsischen Bekenntnisinitiative.

Diese hatte in den Tagen zuvor den Druck noch einmal erhöht. Viele Menschen in den Kirchgemeinden fragten »nach dem Sinn eines solchen Gesprächsprozesses, da doch die Streitfrage über die Öffnung von Pfarrhäusern für homosexuell empfindende Pfarrer und Pfarrerinnen bereits durch die Kirchenleitung entschieden worden ist«, heißt es in einer Erklärung der Bekenntnisinitiative, die von 106 Kirchenvorständen und knapp 8000 Christen aus Sachsen unterstützt wird. »Kann da noch von einem ergebnis-offenen Gespräch die Rede sein?«

Dennoch ruft die Bekenntnisinitiative zur Teilnahme am Gesprächsprozess und zu einer »geschwisterlichen und demütigen Art des Umgangs miteinander« auf. Zugleich bittet sie Landesbischof, Landeskirchenamt und Kirchenleitung eindringlich, während der dreijährigen Gesprächsphase keine homosexuellen Partnerschaften in Pfarrhäusern zuzulassen – und auch keine weiterführenden Beschlüsse zu fassen wie etwa zur Segnung homosexueller Paare.

»Wir sind uns in der Steuerungsgruppe einig, dass der Gesprächsprozess in der Breite stattfinden muss und nicht nur in Klausurtagungen der Pfarrerschaft«, sagt Pfarrer Carsten Rentzing. »Jetzt geht es darum, die Basis der Gemeinden zu erreichen.« Dafür wurden erste, wenn auch noch unscharfe Ideen entwickelt. So will die Landeskirche eine Übersicht über die verschiedenen Möglichkeiten der Bibelauslegung erarbeitet, kündigte Oberlandeskirchenrat Dietrich Bauer an, der die Steuerunsgruppe
leitet.

Um das Gespräch zu entzünden, wollen Oberlandeskirchenrat Peter Meis sowie die Bekenntnisinitiative jeweils Thesen vorlegen. Andere kirchliche Einrichtungen sollen das Thema ebenfalls aufgreifen. Wie es in die Kirchenbezirke transportiert werden kann, darüber beraten die Superintendenten im September. Im Februar ist in Chemnitz ein Studientag für Kirchvorsteher und Mitarbeiter geplant. Die Bekenntnisinitiative wird den Kirchgemeinden ein eigenes Gesprächsangebot unterbreiten.

»Was mich an der bisherigen Diskussion stört, ist die Lieblosigkeit«, sagt der Präsident der Landessynode Otto Guse. »Das nimmt man auch außerhalb der Kirche wahr.« Der Rechstanwalt aus Falkenstein betont, dass der Ausgang des Prozesses vollkommen offen sei. Ob die vorsichtige Öffnung für homosexuelle Paare noch einmal kassiert werde, könne heute niemand sagen. Eines aber fordert er schon jetzt: gewaltfreie Kommunikation. »Es wird oft der Fehler gemacht zu sagen: Die einen sind bibeltreu – und die anderen nicht«, sagt Otto Guse. »Jesus hat zwar nichts zur Homosexualität gesagt, aber zum Umgang miteinander sehr wohl.«

Andreas Roth

Carsten Rentzing: Was können wir noch gemeinsam sagen?

Wir dürfen nicht nur vom Negativen herangehen: Wie können wir uns gegenseitig verwerfen? Sondern wir müssen fragen, was wir gemeinsam zu Ehe und Familie, zur Heiligen Schrift und zur Einheit der Kirche sagen können. Die Situation ist ernst.

Oberlandeskirchenrat Dietrich Bauer: Jesus Christus hat uns alle gerufen

Es ist eine wichtige Aufgabe des Gesprächsprozesses deutlich zu machen, dass es eine gemeinsame Mitte gibt: Ich bin nicht Kraft meines Willens oder meiner Art des Bibellesens in der Kirche, sondern weil Jesus Christus uns gerufen hat. Wir gehören alle zum Leib Christi.

Synodenpräsident Otto Guse: Wir können mehr hören als reden

Am Ende kann die Erkenntnis stehen: Wir sind unterschiedlicher Auffassung, aber können dennoch miteinander Gemeinschaft haben. Der Herrgott hat uns zwei Ohren gegeben und nur einen Mund, so dass wir mehr hören können als reden – er wird sich schon etwas dabei gedacht haben.

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