Die Zärtlichkeit des Alters


Gerhard Schöne ist Schirmherr des Diakonie-Förderpreises für eine neue Solidarität zwischen Alt und Jung. Der Liedermacher spricht über die veränderte Beziehung zu den eigenen Eltern, das vierte Gebot – und Pläne für sein Alter. 
Der Liedermacher Gerhard Schöne wuchs in einem Pfarrhaus im sächsischen Coswig auf. Sein Vater ist der Theologe und Schriftsteller Johannes Schöne, seine Mutter die Schriftstellerin Rile Schöne. Der Sänger und Dichter wohnt heute mit Frau und fünf Kindern in Meißen. (Foto: Steffen Giersch)

Der Liedermacher Gerhard Schöne wuchs in einem Pfarrhaus im sächsischen Coswig auf. Sein Vater ist der Theologe und Schriftsteller Johannes Schöne, seine Mutter die Schriftstellerin Rile Schöne. Der Sänger und Dichter wohnt heute mit Frau und fünf Kindern in Meißen. (Foto: Steffen Giersch)

Herr Schöne, Sie singen viel für Kinder – haben Sie angesichts des demografischen Wandels Angst, dass eines Tages im Konzert nur noch Ältere vor Ihnen sitzen?
Schöne:
Mir ist jedes Publikum gleich viel wert – ob es nun Ältere sind oder Gleichaltrige. Ich selbst will gar nicht mehr unbedingt als Greis mit der Klampfe vor Kindern singen. Ich muss nach und nach überprüfen, ob das nicht in den Peinlichkeitsbereich hinein rutscht. Ich will später eher Geschichten erzählen.

Müssen wir angesichts einer älter werdenden Gesellschaft das vierte Gebot, Vater und Mutter zu ehren, wieder neu lernen?
Schöne:
Das stimmt, es wird ein zunehmend wichtiges Gebot. Das hat man bisher etwas übersehen. Die Generation, die sich nach dem Krieg durch die Werte der Eltern abgestoßen fühlte, konnte vielleicht mit diesem Gebot besonders wenig anfangen. Zunehmend geht es aber mehr um die Frage: Wer ist hier der Schwache und Hilflose – und wer ist auf Solidarität angewiesen?

Haben Sie eine Vorstellung, wie man diese Solidarität leben kann?
Schöne:
Das Wort klingt oft sehr nach Güterverteilung, die vom Gesetzgeber geregelt wird. Für jeden wird das etwas anderes bedeuten. Da meine Mutter geistig frisch ist und auch weitgehend ihren Alltag gut meistert, bedeutet es für mich lediglich, dass ich trotz der Belastungen in der Familie mein 93-jähriges Mütterlein nicht vergesse. Wenigstens einmal in der Woche komme ich zum Frühstück und wir tauschen uns aus oder ich lese ihr vor, weil ihr Lesen kaum noch möglich ist. Es ist sehr wichtig, dass sie ihre Frische aufpoliert bekommt durch Gespräche und Anregungen. Sie ist selbst ein Mensch, der gern andere inspiriert.

Wie verändert das Alter den Blick auf die eigenen Eltern?
Schöne:
Die jungen Erwachsenen sehen ja zunächst ihre Eltern fast immer kritisch. Meine Eltern haben mir immer große Freiheit gelassen. Meine Mutter war meist die praktische Lebenskünstlerin zuhause, mein Vater der Mann fürs Geistige und Geistliche. Ich hörte seinen Gedanken gern zu. Was mir erst bei den eigenen Kindern auffiel, mit denen ich viel schmuste und schmuse, war, dass es dies in meiner Kindheit kaum gab. Ich glaube, sehr viele Eltern der Kriegsgeneration kannten das gar nicht, ihr Kinder zu umarmen. Mein Vater war als Pfarrer viel in seinem Zimmer, er hat viel künstlerisch gearbeitet, zum Beispiel als Schriftsteller. Und meine Mutter hatte mit uns sechs Kindern viel zu tun. Unsere Eltern haben dadurch etwas verpasst und entbehrt, was sie selbst vielleicht gar nicht mitbekommen haben. Erst im Alter habe ich bei meinem Vater das Bedürfnis gesehen, mich zu umarmen. Das hat mich sehr gefreut, dass er im Alter so aufgetaut ist. Da war nicht mehr der Druck der Aufgaben in der Kirchgemeinde. Ich habe zunehmend mehr an meinen Eltern gehangen. Nun, da mein Vater nicht mehr lebt, kann ich meine Zuneigung wenigstens meiner Mutter zeigen.

Sie besingen in einem Ihrer Lieder, wie alles auch einmal das letzte Mal sein kann. Kam dieses Bewusstsein für die Endlichkeit des Lebens bei Ihnen erst mit dem Alter?
Schöne:
Meine Eltern haben das schon sehr früh mit uns bedacht. Oft, wenn wir auseinander gingen, sagten sie: Lass Dich noch einmal anschauen – es ist nicht selbstverständlich, dass wir uns wiedersehen. Das Denken an das Ende hilft, bewusster zu leben. Ich kann vieles genießen und mich daran freuen, weil es nicht selbstverständlich ist: Unsere fünf Kinder oder dass ich heil von einer Tour zurückkomme. Dass man alles schätzt und liebt und als endlich erkennt.

Haben Sie eine Hoffnung über den Tod hinaus?
Schöne:
Ich bin sehr neugierig, was dann kommt. Ich habe gerade heute ein skandinavisches Lied nachgedichtet. »Oh Himmelreich, oh Himmelreich, geheimnisvoller Ort, kein Menschenkind hat dich gesehen, kein Sterblicher war dort. Und doch, mir redet’s keiner aus, mein Herz allein kennt sein Zuhaus beim Herren Zebaoth.« So eine Jenseitshoffnung schlummert in meiner Brust. Woher hat der Mensch so einen Wunsch, so eine Ahnung, warum genügt er sich nicht? Ich nehme an, es ist ihm von Gott eingepflanzt. Wie es genau ist, da lassen wir uns überraschen.

Eines Ihrer bekanntesten Lieder handelt von der kleinen Jule, die sich nie wäscht. Könnte die Zeit kommen für ein Gerhard-Schöne-Lied über den Pflegenotstand – oder taugt das nicht für Poesie?
Schöne:
Pflegenotstand ist ein abstrakter Begriff. Doch wenn man solche Zustände kennen lernt am eigenen Leib oder bei den Liebsten, dann sind das konkrete Geschichten, die erzählt werden können – oder müssen. Ich habe schon manchmal gesponnen, was ich machen würde, wenn ich einmal nicht mehr singen kann oder will. Man müsste ein Café eröffnen, wo alte Menschen aus ihrem Leben erzählen können. Sie haben so viele irre Geschichten erlebt. Einer könnte dazu Brennesselsuppe kochen, wie nach dem Krieg oder an anderes erinnern, das sie in Notzeiten als Lösung gefunden haben. Jemand anderes macht Musik.

Die Fragen stellte Andreas Roth

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