Gottes Wort beschnitten

Die Beschneidung Jesu: Albrecht Dürer stellt dar, wie Jesus gemäß jüdischem Brauch am achten Lebenstag im Tempel beschnitten wird.

Die Beschneidung Jesu: Albrecht Dürer stellt dar, wie Jesus gemäß jüdischem Brauch am achten Lebenstag im Tempel beschnitten wird.

Die Debatte um die Beschneidung von Jungen will sich nicht beruhigen. Das Urteil der Kölner Richter, sie sei Körperverletzung, wirkt wie ein tiefer Schnitt. Er legt einen Konflikt frei, der in Mitteleuropa lange verdeckt schien und unserer Gesellschaft jetzt schmerzhaft bewusst wird: Dass Glauben und liberale Menschenrechte auch in entgegengesetzte Richtungen ziehen können.

Christen sollten sich in diesem Streit vor Hochmut hüten. Die sächsische Landeskirche erfährt gerade am eigenen Leib, wie das Wort der Bibel in ein schmerzhaftes Gegenüber zu modernen Freiheitsrechten kommen kann. Für die allermeisten Juden ist das Gebot der Beschneidung noch ungleich fundamentaler. Es ist ein von Gott gegebenes Zeichen für seinen Bund mit dem jüdischen Volk. Auch die Muslime berufen sich auf Abraham. Moderne Menschenrechte verblassen vor diesem machtvollen göttlichen Wort.

Diese Menschen- und Freiheitsrechte wurzeln geradezu im Geist der Bibel, der sich auf die Seite der Schwachen stellt. Juden und Chri­sten – wenn auch oft genug nicht die Kirchen – haben sie ganz wesentlich durchgesetzt. Die Bücher des Alten Testaments erzählen viel davon, wie Gott in der Geschichte immer wieder neu ein Anwalt der Menschenfreundlichkeit ist, wie er die religiösen Rituale immer wieder kritisch auf ihren Kern hin prüft: Die Liebe zu ihm und zu den Menschen. Paulus tat nichts anderes.

Vor diesem Hintergrund ist es nur schwer denkbar, dass Gottes Wort und grundlegende Menschenrechte im Widerspruch stehen könnten. Sollte es doch so erscheinen, müssen Gläubige besonders sorgfältig nach Gottes Willen suchen und dürfen ihn nicht auf Traditionen festlegen. Das allerdings ist eine theologische – und keine juristische Frage.

Andreas Roth

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