Die Glut auf dem Land

Arnold Liebers (Mitte), Superintendent von Leisnig-Oschatz, besucht die evangelische Schule »Apfelbaum« im Mügelner Ortsteil Schweta. Ein evangelischer Schulverein betreibt sie seit zehn Jahren. (Foto: Thomas Barth)

Arnold Liebers (Mitte), Superintendent von Leisnig-Oschatz, besucht die evangelische Schule »Apfelbaum« im Mügelner Ortsteil Schweta. Ein evangelischer Schulverein betreibt sie seit zehn Jahren. (Foto: Thomas Barth)

Die Gottesdienste in den Dörfern werden seltener, die Pfarrer weniger. Der Superintendent von Leisnig-Oschatz Arnold Liebers sucht nach Lösungen.
 

Wenn Superintendent Arnold Liebers durch seinen Kirchenbezirk fährt, dann kommt er ins Schwärmen. »Es ist eine herrlich abwechslungsreiche Landschaft vom Heideland bis zum Zeh des Erzgebirges.« 90 meist herausgeputzte Kirchen stehen in seiner Ephorie Leisnig-Oschatz, fast jeden Sonntag predigt er in einer anderen. »Ich bin gerne unterwegs«, sagt Liebers, der als Sohn eines Landwirts auf dem Bauernhof aufgewachsen ist.

Doch seine stark ländlich geprägte Ephorie ohne wirkliches Zentrum hat Probleme: »Das parochiale System kommt an seine Grenzen«, sagt der 56-Jährige, der auch Beauftragter der Landeskirche für den ländlichen Raum ist. Durch die Strukturreformen seien schon einige Kirchspiele auf großer Fläche entstanden, doch die Gemeinden werden durch Abwanderung und mangels Nachwuchs immer kleiner.

Pfarrerin Ulrike Weyer hält im über zehn Kilometer weiten Kirchspiel Sornzig-Ablaß bei Mügeln Gottesdienste in sechs Kirchen. Auch für Besuche in ihren verstreuten und älter werdenden Gemeinden nehme sie sich Zeit. »Wenn ich die Menschen besuche, erzählen sie mir von ihrem Glauben«, sagt die Pfarrerin, die seit acht Jahren im beschaulichen Sornzig lebt. Statt auf die Menschen in der Kirche zu warten, »sollten wir zu den Menschen gehen«, meint sie. Allein könne sie das aber nicht schaffen. Ehrenamtliche seien gefragt, die auch die Menschen in den Dörfern kennen.

Doch Ulrike Weyers Kirchspiel zählt nur noch 800 Menschen. »Das entspricht eigentlich nur einer halben Pfarrstelle«, so Liebers. Diesem Strukturdruck aber mag er sich nicht immer beugen. »In dieser Gemeinde ist viel Leben«, hat der Superintendent beim Besuch dort festgestellt. Das müsse honoriert werden. Denn die zentrale Frage auf dem Land sei: »Ist noch Glut in der Gemeinde oder sind wir nur Hüter der Asche?« Danach müsse abgewogen werden, meint Liebers.

In Schweta unweit von Sornzig trifft Arnold Liebers auf die Bezirkskatechetin Cordula Schilke. Eines ihrer Kinder geht in die evangelische Grundschule Schweta. Wie auch die evangelische Werkschule im benachbarten Naundorf sei die Schule wichtig für die Kirche, um die Menschen an den Ort zu binden und Identität zu stiften. Dadurch kommen auch viele Nichtchristen mit dem Glauben in Berührung. »Hier spielt das Leben«, freut sich Arnold Liebers. Für diese besonderen Angebote würden auch längere Wege in Kauf genommen. »Warum nicht bei Gottesdiensten?«, fragt er sich.

Die Antwort kennt Liebers. »Wenn Kirche vor Ort wegfällt, dann geht Identität verloren.« Mit viel Kraft und Geld würden Kirchen restauriert, auch von zahlreichen Nichtchristen. »Kirche ist Identitätsmerkmal für alle«, so Liebers. Hilfreich ist dabei auch ein guter Draht zur Kommune, wie zu Dieter Heckel, dem Ortsvorsteher von Bockelwitz. Der 60-Jährige, selbst im Kirchenvorstand, weiß, wie notwendig die Zusammenarbeit mit der Kommune auf dem Land ist. Größere Strukturen auf beiden Seiten würden das aber erschweren.

Doch die Regionalisierung, die auch Vergrößerung bedeutet, scheint unumgänglich für zukünftige Strukturen. »Region ist aber nicht nur eine Raumordnungsgröße, es ist Heimat, Identität«, weiß der der Superintendent. Die Vorschläge für die Strukturreform 2014 im Kirchenbezirk sind ans Landeskirchenamt verschickt und sollen die Identität der Gemeinden wahren. Über die knappe Pfarrerdecke, die an einigen Stellen zu reißen drohte, sagt der Superintendent: »Wir haben es gerade noch einmal passend gemacht.« Er fügt aber hinzu: »Ich bin noch nachdenklicher geworden, wie wir in der Fläche präsent sein wollen.«

Uwe Naumann

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