Auf Landflucht folgt Stillleben

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Während die Städte wachsen, bluten die ländlichen Regionen aus. Auch die kirchliche Versorgung in den leer werdenden Gegenden steht in Frage. Wie lange kann die Kirche noch im Dorf bleiben?
 

Es klingt merkwürdig, scheint aber so zu sein: Laut dem amerikanischen Soziologen Richard Sennett leben wir in einer »Zeit der modernen Nomaden«. Gerade junge Menschen sind gezwungen, ihren Heimatort zu verlassen, um eine Ausbildung oder eine Arbeitsstelle in wirtschaftlich starken Metropolregionen anzutreten. Der ländliche Raum wird dabei immer dünner besiedelt und wirtschaftlich schwächer. Seit der Wende sind rund 4,1 Millionen Ostdeutsche in den Westen abgewandert.

Einer von ihnen ist André Zieger aus dem mittelsächsischen Siebenlehn bei Nossen. Vor sechs Jahren zog der heute 31-Jährige nach Nürnberg, um eine Ausbildung zum Krankenpfleger beginnen zu können. »Nachdem ich Absagen in Dresden, Leipzig und Chemnitz bekommen habe, wollte ich einfach irgendwo unterkommen«, erzählt Zieger, der auch mit seiner Bewerbung um ein Religionspädagogikstudium an der Fachhochschule Moritzburg nur auf der Warteliste gelandet ist.

Im Krankenhaus »Martha-Maria« in Nürnberg wurde er sofort genommen. Ein kleiner Trost für ihn: Kaum einer seiner Bekannten ist in Siebenlehn geblieben. Viele zog es zum Studium nach Leipzig, zur Arbeit in den Westen. Zurück bleiben immer trostlosere Orte und Landstriche, geschlossene Schulen, stillgelegte Bushaltestellen und verwaiste Dorfgaststätten.

Auch wenn in den letzten Jahren wieder mehr Menschen nach Dresden und Leipzig zuzogen als weggingen, hält der Abwanderungstrend im Erzgebirgskreis oder in Mittelsachsen unvermindert an.

Landflucht und Überalterung der ländlichen Regionen werden weiter zunehmen, prognostiziert das Dresdner Wirtschaftsforschungsinstitut »ifo« in einer Studie zur Bevölkerungs- und Wirtschaftsentwicklung in der Region Dresden. Während für Dresden bis zum Jahr 2025 ein Anstieg der Einwohnerzahl um knapp 5 Prozent erwartet wird, soll die Bevölkerung in Königstein um 44 Prozent und in Rathen um 37 Prozent schwinden. »Insbesondere junge Bevölkerungsgruppen werden durch die Abwanderung betroffen sein«, heißt es in der Studie.

Diese tief greifenden Veränderungen betreffen auch die Kirche. In den Kirchenbezirken Leisnig-Oschatz, Leipziger Land und Löbau-Zittau hat sich die Gemeindegliederzahl seit der Wende mehr als halbiert.

Trotzdem hat es noch keinen kirchlichen Rückzug aus der Fläche gegeben. Wohl wurden Kirchenbezirke zusammengelegt, aber an der flächendenkenden kirchlichen Versorgung wird festgehalten.

»Die evangelische Kirche löst ihre Strukturprobleme in der Fläche auf dem Rücken ihrer Mitarbeiter und Ehrenamtlichen«, kritisiert der Vizepräsident des EKD-Kirchenamtes Thies Gundlach. Der als Struktur-Vordenker geltende Theologe plädiert für einen geordneten Rückzug aus den unendlichen Weiten des ländlichen Raums: »Wir evangelischen Christen werden in der Fläche ärmer, älter und einsamer; deshalb steht auch für uns ein gezielter, strategisch reflektierter Rückbau an.« Verlassene Kirchen schrecken ihn nicht. Sie seien eine Mahnung, dass Gott auch dann da bleibt, wenn der Mensch keine Zeit und kein Geld mehr für ihn hat.

Und doch könnte es auch anders kommen. Denn bei den modernen Nomaden setzt Heimweh ein. Drei Viertel der Menschen, die seit 1990 den Osten gen Westen verließen, können sich eine Rückkehr vorstellen, sagt eine Studie des Leipziger Leibnitz-Instituts.

Auch André Zieger denkt sehr oft über eine Rückkehr nach. »Meine Eltern und Großeltern werden immer älter und ich möchte sie gerne unterstützen«, sagt er. Doch ob die ländlichen Regionen durch diesen Trend wiederbelebt werden können, bleibt offen.

Stefan Seidel

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