Die innere Flut


Hochwasser: Auch zehn Jahre danach hat die Elbe Spuren in den Seelen hinterlassen.
 
Josephine und Martin Kupke haben viel verloren beim Elbe-Hochwasser vor zehn Jahren. Doch wie Hiob haben sie auch manches gewonnen.
 

Sie hat nicht geweint, als sie in der braunen Flut vor ihrem schwimmenden Flügel stand. »Wenn du stirbst, kannst du auch nichts mitnehmen«, sagte sie sich. Keine Tränen, als Soldaten ihren Flügel Tage später in einen Schuttcontainer traten und ein stinkender Panzer aus rissigem Schlamm Bäume, Blumen und Möbel überzog. »Ich hatte einen Schild um mich herum aufgebaut«, sagt sie. »Man musste funktionieren.« Auch, als der Bagger ihr Wohnhaus niederriss. Es kam erst später, als sie überhaupt nicht mehr damit rechnete. Als die Kirchenmusikerin Josephine Kupke (61) im Arbeitszimmer eines Kollegen einen Flügel stehen sah, dann erst kam die innere Flut: Die ganze Trauer, das ganze Trauma, die nicht geweinten Tränen.

Diesen Blick auf Stadt Wehlen in der Sächsischen Schweiz hatten Josephine und Martin Kupke aus ihrer Wohnung – bis das Haus nach der Flut abgerissen werden musste.<br />
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<p class=Diesen Blick auf Stadt Wehlen in der Sächsischen Schweiz hatten Josephine und Martin Kupke aus ihrer Wohnung – bis das Haus nach der Flut abgerissen werden musste. (Foto: Steffen Giersch)

Blättert sie heute durch das blau eingefasste Album mit den Bildern vom August vor zehn Jahren, vibriert sie noch immer. »Die das erlebt haben, sind für ein Leben gezeichnet«, sagt ihr Mann, der frühere Oschatzer Superintendent Martin Kupke (75) neben ihr. »Dass man nichts festhalten kann. Wie bei Hiob: Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen.«

Dabei begann alles wie eine andere biblische Geschichte: die von der Sintflut. Das gelbe Haus in Pötzscha bei Stadt Wehlen hatte Martin Kupke für seinen Ruhestand erst drei Jahre zuvor mit seiner Frau gemietet. Es lag so schön und still an der Elbe, steil ragt das Basteigebiet am gegenüberliegenden Ufer auf. Am 15. August 2002 kurz nach acht Uhr kommt die Feuerwehr mit einem silbernen Schlauchboot durch Kupkes Gartentor gefahren und nimmt das Paar mit.

Es begann das menschliche Wunder nach dem verheerenden Naturwunder. In Pötzscha ging es vom Gerätehaus der Feuerwehr aus. Menschen aus nah und fern kamen und halfen, kochten, besorgten Notunterkünfte. Nachbarn rückten zusammen. Die zugezogenen Kupkes gehörten jetzt dazu.

Als die Flut wich, blieben Schlamm, Schutt und Container voller ertrunkenem Leben. Das Haus hatte sich mit Öl vollgesogen und musste abgerissen werden. Was blieb, war aber auch eine neue Nähe.

August 2002: Erst drei Jahre zuvor war Josephine Kupke mit ihrem Mann Martin in das Haus in Pötzscha eingezogen – dann wurde es von der Elbe überflutet.

August 2002: Erst drei Jahre zuvor war Josephine Kupke mit ihrem Mann Martin in das Haus in Pötzscha eingezogen – dann wurde es von der Elbe überflutet.

Die ersten Monate nach der Flut feierten die Pötzschaer viele Gartenfeste. Weihnachten saßen sie im Feuerwehrhaus zusammen und Martin Kupke las auch den vielen Atheisten unter ihnen die Weihnachtsgeschichte vor. »Da ist eine Gemeinschaft entstanden, die es vorher nicht gegeben hat«, sagt Martin Kupke, »und die es heute nicht mehr gibt.« Die Flut der Zeit mahlt auch diese Erfahrungen klein.

Die Angst aber bleibt. »Jedes Mal, wenn die Elbe höher wird, fängt man an zu zittern«, sagt Martin Kupke. »Das ist ein Trauma, aber darüber spricht man hier nicht. Ich habe nie einen Ton über diese tiefen Dinge gehört.«

Er und seine Frau Josephine haben das Angebot ausgeschlagen, in das neu errichtete Haus an der Elbe einzuziehen. Sie wohnen jetzt oben am Hang über Pötzscha in Naundorf. »Es ist wie bei Hiob: Am Ende hatten wir mehr als vorher«, sagt Martin Kupke. Sein Blick schweift vom Balkon seiner neuen Wohnung über die Gipfel der Sächsischen Schweiz. Seine Frau hat ein neues Klavier geschenkt bekommen. Nach der Flut, Kupkes haben es im Foto festgehalten, stand ein Regenbogen am Himmel. In der Bibel ist er Gottes Versprechen, Mensch und Tiere vor einer neuen Sintflut zu bewahren. Es ist eine Hoffnung.

Andreas Roth

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