Urlaub für die Seele

Nicht nur im Jubiläumsjahr »800 Jahre Thomana« zieht es viele Touristen aus aller Welt in die Leipziger Thomaskirche – zum Grab Johann Sebastian Bachs und zur Besinnung. (Foto: Armin Kühne)

Nicht nur im Jubiläumsjahr »800 Jahre Thomana« zieht es viele Touristen aus aller Welt in die Leipziger Thomaskirche – zum Grab Johann Sebastian Bachs und zur Besinnung. (Foto: Armin Kühne)

In die Kirche gehen viele nicht mal mehr zu Weihnachten – aber im Urlaub. Gotteshäuser sind Touristen­magnete. Und eine Chance für den Glauben.

Die schmalen Pfeiler ziehen ihre Blicke unwillkürlich nach oben. Schweigend sitzen sie da. Eigentlich haben Lia und Frank Durant gebrochen mit der Kirche. »Mit ihren Machtansprüchen«, sagt das holländische Paar, das einst katholisch war. Doch nun halten sie in einer Bank der Leipziger Thomaskirche inne, die Sonnenbrille im Haar, und atmen die Stille ein.

»Ich glaube, es muss mehr geben als wir sehen und fühlen können«, lächelt Lia Durant. »Es gibt viel mehr Gott. In einer Kirche, in dieser Schönheit und absoluten Ruhe spüre ich das.« In jedem Gotteshaus, das sie besuchen, zünden sie drei Kerzen an. Für ihre Kinder und die Lieben, die sie nicht mehr um sich haben.

»Viele Leuten wollen auf Reisen zur Ruhe kommen, zu sich finden und das eigene Leben reflektieren«, sagt Jan Behrens vom Lehrstuhl für Tourismuswirtschaft der TU Dresden. »Es gibt einen generellen gesellschaftlichen Trend, dass immer mehr Sinn-Angebote nachgefragt werden.«

Sachsen hat den touristischen Sinn-Suchern viel zu bieten. Nicht nur Leipzigs Thomaskirche oder Dresdens Frauenkirche, die allein zwei Millionen Besucher jedes Jahr anzieht. Auch die gotischen Hallenkirchen im Erzgebirge, die mittelsächsischen Dorfkirchen mit ihren Silbermann-Orgeln oder der Dom in Bautzen sind Besuchermagnete. Hinzu kommen Tage und Nächte der offenen Kirchen in Dresden, Leipzig, Chemnitz und im Muldental, Radfahrerkirchen in Stadt Wehlen und Markkleeberg, zwei Autobahnkirchen, wiederentdeckte Pilgerwege, der neue Lutherweg und 58 christliche Freizeitheime in Sachsen.

»Kirche hat die Chance, durch und im Spirituellen Tourismus stärker als Kirche wahrgenommen zu werden und Menschen zu erreichen, die ihr fern sind oder ihr distanziert gegenüber stehen«, stellt eine Studie des Lehrstuhls für Tourismuswirtschaft des Dresdner Professors Walter Freyer zum spirituellen Tourismus in Sachsen fest. Es gehe um eine sehr moderne Frage, findet Oberlandeskirchenrat Dietrich Bauer: »Die Menschen wollen heute selbst Erfahrungen machen und selbst bestimmen, wann und inwieweit sie mit Kirche in Kontakt treten. Da sind offene Kirchen sehr wichtig.«

Touristen aber stehen noch zu oft vor verschlossenen Kirchentüren, so die Dresdner Wissenschaftler. Die Landeskirche müsste die örtlichen Gemeinden dafür stärker überzeugen und unterstützen, meinen sie. Ein zweites Problem: »Es gibt viele touristische Angebote der Kirche in Sachsen, aber sie sind vielen nicht bekannt«, sagt Jan Behrens von der TU Dresden. »Eine zentrale Plattform im Internet würde nach außen strahlen und nach innen vernetzen.« In der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland gibt es das bereits. Sachsens Landeskirche richtet ab September eine Stelle für Kirche und Tourismus bei der Evangelischen Erwachsenenbildung ein.

Bereits seit sechs Jahren bildet die Evangelische Heimvolkshochschule in Kohren-Sahlis ehrenamtliche Kirchenkuratoren aus, die Gästen durch ihr Gotteshaus und den Glauben führen. Und die Landeskirche verleiht das bundesweit bekannte Signet »Verlässlich geöffnete Kirche« an Gotteshäuser, die an fünf Wochentagen zu Besichtigung und Besinnung einladen. Am 10. Januar 2013 soll es einen Fachtag zum spirituellen Tourismus mit Wissenschaftlern und Praktikern geben.

Die ziegelroten Gewölbebögen in der Leipziger Thomaskirche brauchen keine theoretischen Erklärungen. Sie weiten das Herz der Besucher auch so. Die Kölnerin Doris Henningsen kommt aus der Mittagshitze in die Kirche und schaut stumm empor. Sonntags geht sie nie in die Kirche. Aber im Urlaub. »Es ist so eine kühle Stille hier«, sagt sie, »man spürt die Stille richtig. Sie nimmt einen auf.«

Andreas Roth

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