Schule versetzungsgefährdet

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Evangelische Schulen sind beliebt – aber ihnen gehen die Lehrer aus. Der Staat lockt mit höheren Gehältern. Das kann für manche Schule bedrohlich werden.

Der Ernst des Lebens beginnt in vielen evangelischen Schulen in Sachsen schon vor dem Schuljahresbeginn. Die Ferienwochen sind voller Anspannung für Schulleiter und -vereine: Gelingt es, bis zum 1. September Lehrer für alle Fächer zu bekommen?

Vier Pädagogen hat allein die Evangelische Schulgemeinschaft Erzgebirge in Annaberg-Buchholz zum Schuljahresende ziehen lassen müssen.

»Wir verlieren Lehrer, die vom Freistaat gute Angebote bekommen«, sagt Wolfram Günther, Geschäftsführer der Annaberger Schulen. Für die 644 Schüler in Gymnasium und Mittelschule des größten evangelischen Schulvereins Sachsens konnte er kurzfristig genügend neue Lehrer finden. Auch andere freie Schulen berichten von einem harten Verdrängungswettbewerb auf dem Lehrermarkt.

In einer evangelischen Schule in Westsachsen hatten neue Lehrer schon die Arbeitsverträge unterschrieben – und dann kurzfristig zurückgezogen, weil ihnen der Staat ein besseres Angebot gemacht hatte.

Auch im Landeskirchenamt spricht man von Abwerbungsversuchen und monierte das beim sächsischen Kultusministerium. Dort aber weist man die Kritik zurück: »Es gibt keine offensiven Abwerbungsversuche«, sagt Ministeriumssprecherin Susann Meerheim.

Fakt aber ist: Der Freistaat Sachsen sucht derzeit händeringend mit einer Kampagne nach jungen Lehrern. Da viele Pädagogen in den kommenden Jahren in Rente gehen und die Schülerzahlen wachsen, werden allein bis zum Jahr 2020 über 8200 staatliche Lehrer-Stellen frei.

»Es gibt schon heute nicht genug Lehrer«, sagt Stefanie Schwaiger vom Vorstand des Evangelischen Schulvereins Apfelbaum in Schweta bei Oschatz. »Das ist wirklich schwierig, weil wir gern einen größeren Anteil an evangelischen Lehrern hätten – aber wir können nicht aussuchen.« Viele evangelische Schulen haben zwar ein ambitioniertes christliches und pädagogisches Profil. Doch sie finden immer öfter nicht das geeignete Personal dafür – besonders auf dem Land.

Gerade in naturwissenschaftlichen Fächern ist der Lehrermarkt wie leergefegt. Drei Wochen vor Schuljahresbeginn fehlten etwa in der Evangelischen Werkschule im nordsächsischen Naundorf noch Lehrer für Chemie, Geografie, Informatik und ein zweiter Kollege für Mathematik. Erst nach zweijähriger Suche fand man dort nun einen Religionslehrer. »Für naturwissenschaftliche Fächer hätten wir einen Quereinsteiger aus einem technischen Beruf«, sagt die Naundorfer Schulleiterin Ruth Möbius. Doch die Bildungsagentur verweigerte die Zustimmung. Der Freistaat macht neben einer fachlichen auch eine pädagogische Ausbildung zur Bedingung.

Im Wettbewerb um die Lehrer werden die evangelischen Schulen immer mehr von den staatlichen abgehängt. Während die Gehälter im Staatsdienst regelmäßig steigen, stagnieren die Zuschüsse des Kultusministeriums für die freien Träger im vergangenen und im kommenden Schuljahr. Der im März zurückgetretene sächsische Kultusminister Roland Wöller (CDU) hatte den nicht-staatlichen Schulen mit Kürzungen das Leben schwerer gemacht, um das staatliche Schulnetz zu stützen.

»Mehr Geld werden wir den Lehrer nicht bieten können«, sagt die scheidende Bildungsdezernentin der sächsischen Landeskirche Almut Klabunde. »Das Entscheidende ist, dass evangelische Schulen ein gutes Arbeitsklima mit Gestaltungsspielräumen bieten, in dem sich Lehrer wohlfühlen«, so die Oberlandeskirchenrätin.

Aber wird das genügen? »Der Lehrermangel wird sich in Zukunft dramatisch verschärfen«, fürchtet Wolfram Günther, der Geschäftsführer der Evangelischen Schulgemeinschaft Erzgebirge. »Wenn wir den Unterricht in prüfungsrelevanten Fächern nicht mehr abdecken können, kann das zur Liquidierung der Schule führen.«

Andreas Roth

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