Fit für den Frieden?

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Anlässlich des Weltfriedenstages am 1. September stellt sich die Frage: Wie steht es um die kirchliche Friedensarbeit? Ist sie verstummt oder macht sie sich fit?

Es ist still geworden um die evangelische Friedensarbeit in Deutschland. Selten vernimmt man von kirchlicher Seite Äußerungen zu den brennenden aktuellen Fragen von Krieg und Frieden. »Das Friedensthema ist derzeit in der Kirche eher das Thema einer Minderheit, an deren Sichtbarkeit es mangelt«, heißt es in einem Bericht der Konferenz kirchlicher Träger der Friedensarbeit.

Dabei ist der Frieden in der Welt bedrohter denn je und der Krieg immer selbstverständlicheres Mittel der Politik. Die Bundeswehr wird von einer Verteidigungs- zu einer Einsatzarmee umgebaut und erwägt die Anschaffung völkerrechtlich bedenklicher Drohnenwaffen. Zu alledem wirbt sie massiver denn je an Schulen um Nachwuchs.

»Wir müssen das Friedenszeugnis wieder vom Rand in die Mitte der Kirche rücken«, fordert Renke Brahms, der seit 2008 Friedensbeauftragter des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) ist. Es müsse dringend geklärt werden, inwieweit die so genannte rechtserhaltende Gewalt, zum Beispiel in Afghanistan, vereinbar ist mit dem kirchlichen Leitbild vom gerechten Frieden.

Um die komplex gewordenen Fragen der Friedensethik zu beantworten, sind hauptamtliche Friedensfachleute nötig. Doch diese sind in der Kirche immer wieder von Einsparmaßnahmen bedroht, gerade nach dem Wegfall der Wehrpflicht und dem Ende der ökumenischen Dekade zur Überwindung von Gewalt im vergangenen Jahr. »Eine zu knappe Ausstattung der Friedensarbeit steht im Widerspruch zu den stetig zunehmenden friedenspolitischen Heraus- und Anforderungen«, mahnen Renke Brahms und Mitstreiter in einem Positionspapier und fordern eine Aufstockung der Friedensarbeit auf mindestens zwei Vollzeitstellen pro Million Kirchenmitglieder.

Mancherorts jedoch sprießt die kirchliche Friedensbewegung mit neuen Knospen wieder hervor. Die badische Landeskirche diskutiert zur Zeit auf allen Ebenen ein friedensethisches Positionspapier. Im Unterschied zur EKD-Friedensdenkschrift von 2007 wird darin die Bergpredigt als verbindliche Leitlinie angesehen: »Wir fragen uns, ob aus christlicher Sicht nicht für die Gewaltfreiheit als einziger Option eingetreten werden müsste.«

Einfache Parolen werden aber selten geäußert. »Lediglich Krieg zu verurteilen, reicht nicht aus; wir müssen alles in unserer Macht Stehende tun, um Gerechtigkeit und friedliche Zusammenarbeit zwischen den Völkern und Nationen zu fördern«, heißt es in einem Aufruf zum Gerechten Frieden des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK), der an den Zusammenhang von wirtschaftlicher Gerechtigkeit und Frieden erinnert. Und weiter ist da zu lesen: »Wir wollen danach streben, dass alle Menschen angemessen und gerecht an den Ressourcen der Erde teilhaben können.«

Auf die zahlreichen Alternativen zu Militäreinsätzen weist unermüdlich Fernando Enns hin. Der 48-jährige Professor für Friedenstheologie in Amsterdam und Hamburg beklagt die Fantasielosigkeit der Politik in Friedensfragen. »Erst wenn man sich endgültig von der militärischen Logik verabschiedet hat, eröffnen sich die Möglichkeiten gewaltloser Konflikttransformationen«, sagt Enns und verweist auf die Möglichkeit internationaler Polizeieinsätze, die schützende und deeskalierende Funktionen erfüllen könnten. Das Recht der Stärke müsse in eine Stärke des Rechts zurückverwandelt werden.

An kompetenten Inpulsen für die Friedensarbeit mangelt es nicht. Ob die Kirche damit in absehbarer Zeit wieder ein »Motor der Friedensbewegung« wird – wie Renke Brahms und seine Mitstreiter fordern –, bleibt indes abzuwarten.

Stefan Seidel

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