Traumatisiert

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Sie sind vielleicht Mitte oder Ende Siebzig, sitzen vor mir in der Straßenbahn und unterhalten sich angeregt. Das Wort Krieg fällt. Die Frau scheint zu intervenieren. Er reagiert aufgebracht, so dass seine weiße Lockenmähne über der hohen Denkerstirn bebt. »Deutsche Soldaten sind fast bis Moskau gewandert. Und ich frage mich, ob das die heutige Jugend auch könnte. Das meine ich.«

Ich bin versucht zu antworten: »Man muss ja nicht jede Dummheit, die andere gemacht haben, nachmachen.« Aber da steigen sie schon aus.

Dummheit ist das falsche Wort für einen Krieg, der halb Europa in Schutt und Asche gelegt hat und der am 1. September vor 73 Jahren begann. Und eine Wanderung war es gewiss nicht, obwohl 18-Jährige sich damals mit Abenteuerlust auch freiwillig meldeten. Vielleicht sogar, um den Russland-Feldzug, wie es hieß, schnell hinter sich zu bringen und so die ansonsten dreijährige Dienstzeit bei der Wehrmacht zu umgehen. Als sie wiederkamen von dieser »Wanderung«, wenn sie denn wiederkamen, waren sie traumatisiert: gezeichnet von erlittener und verübter Gewalt, von Hunger und Demütigung.

Und das soll die heutige Jugend auch können? Meinen Söhnen wünsche ich das nicht. Bei der vermeintlichen körperlichen Ertüchtigung, die mit Gewaltanwendung verbunden ist, nehmen immer die Seelen Schaden. Das ist bei den heutigen Soldaten nicht anders. Wie viele kommen aus Afghanistan zurück und müssen sich erst einmal in Behandlung begeben. Wenn sie es nicht in sich hineinfressen oder überspielen, so wie die Generation der Großväter – und es dann als verherrlichende Erinnerungen weitergeben. Auch daran sollten wir an diesem 1. September, der heute Weltfriedenstag heißt, denken.

Christine Reuther

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