Für mehr als Gotteslohn

Siegfried Dummer bereitet den Altar in der Meißener Frauenkirche für den Gottesdienst vor. Er ist Kirchner – ehrenamtlich. Foto: Steffen Giersch

Siegfried Dummer bereitet den Altar in der Meißener Frauenkirche für den Gottesdienst vor. Er ist Kirchner – ehrenamtlich. Foto: Steffen Giersch

 
Das langfristige Dienen als Kirchner hat ausgedient. Neue Ehrenamtliche sind nur über ihre Interessen zu gewinnen.

Wie viele Stufen es denn seien bis hinauf in den Turm, will eine ältere Besucherin wissen. »Hundertdreiundneunzig«, antwortet Siegfried Dummer. 42 Meter betrage die Höhe. An einem Sommertag wie diesem reißt der Strom der Touristen, die in die Meißener Frauenkirche hineinschauen, selten ab. Sieben Stunden steht Siegfried Dummer als Aufsicht hinter dem Tresen mit Ansichtskarten, Heften, Faltblättern, CDs und beantwortet Fragen.

Der 65-Jährige, seit Juli Rentner, ist ein Beispiel dafür, wie vielgestaltig Aufgaben eines ehrenamtlichen Kirchners sein können. In der Lutherkirche wiederum, die ebenfalls zur Meißener St.-Afra-Gemeinde gehört, repariert er, was kaputt ist, sorgt für saubere Wege und gepflegte Grünanlagen. »Damit habe ich eine nützliche Aufgabe.«

Eine notwendige Aufgabe für die Gemeinde erfüllen – das hat Andreas Flechsig von ehrenamtlichen Kirchnern als häufigstes Motiv für die Übernahme dieses Ehrenamtes genannt bekommen. Fast ebenso oft auch ihren Glauben an Gott. »Das sind Beweggründe für ein klassisches Ehrenamtsverständnis«, konstatiert er. Mehr als hundert ehrenamtliche Kirchner im Kirchenbezirk Meißen hat Flechsig befragt. Frauen folgten noch etwas stärker als Männer einem gewissenhaften, selbstlosen Verständnis, lautet ein weiteres Ergebnis, das der 28-jährige Religionspädagogik-Student in seiner Diplomarbeit an der Evangelischen Hochschule Moritzburg dargelegt hat. Männer gaben eher an, dass sie Kirchner »nicht nur aus loyalen Motiven heraus sind, sondern auch aus persönlichen Gründen«.

Kirchner sind für vieles zuständig: Sie säubern den Kirchenraum, schmücken den Altar, stecken die Nummernkarten für die Lieder in die Anzeigetafeln, läuten die Glocken, helfen beim Abendmahl, sammeln die Kollekte ein und zählen das Geld. »Bei uns versehen die meisten Ehrenamtlichen auch den Lektorendienst«, sagt Stephan Kühne, der hauptamtliche Kirchner von St. Afra in Meißen.

13 Ehrenamtliche, die meisten über 50, engagieren sich in den drei Kirchen und drei Kapellen der Gemeinde, vier von ihnen Frauen. »Das könnte ich gar nicht allein bewältigen«, sagt Kühne. Der größte Teil von ihnen seien Kirchvorsteher. Einige singen außerdem im Chor, beteiligen sich beim Besuchsdienst oder bereiten das Kirchencafé vor. »Ich habe sie eingewiesen«, erzählt Stephan Kühne. »Ansonsten arbeiten sie selbständig – und sehr verlässlich.« Ein paar mehr allerdings könnten es schon sein, meint er.

Wie aber sind neue zu gewinnen? Allein auf die klassische Motivation, etwas für Gott und Gemeinde zu tun, könne man künftig nicht mehr setzen, meint Andreas Flechsig in seiner Diplomarbeit. Stärker berücksichtigen müsse man persönliches Interesse, biografische Situation, die Lust, sich auszuprobieren. »Welche Bedürfnisse hat derjenige, die ihm die Arbeit für sich und andere sinnvoll werden lassen?«
Beim klassischen Verständnis vom Ehrenamt stehe die Aufgabe fest, dann werde jemand gesucht, der sie übernehme, erläutert Flechsig. »Bei der neuen Auffassung müssen wir zeigen, dass man sich in der Aufgabe seinen Interessen gemäß entfalten kann.« Wie bei jenem ehrenamtlichen Kirchner, der, historisch interessiert, von sich aus zusätzlich eine Kirchenchronik verfasst. »Die Arbeit wird also nicht besser oder schlechter erledigt, nur die Herangehensweise unterscheidet sich.«

Das neue Verständnis von ehrenamtlichem Kirchnerdienst müsse auch die Möglichkeit einräumen, dies nicht auf unbegrenzte Dauer zu tun, meint Andreas Flechsig. Ein »moderner Kirchner« frage eher nach zeitlich klar begrenzten Aufgaben. Eigene Bedürfnisse und Interessen zu äußern, weiß Andreas Flechsig, gerate in der Kirche schnell in den Verdacht des Egoismus. Dies müsse aufgearbeitet werden, »um eine mutige Selbstwahrnehmung von mündigen Christen zu ermöglichen«.

Tomas Gärtner

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