Lücken bleiben

Abschied mit einem lachenden und einem weinenden Auge: Landesfrauenpfarrerin Antje Hinze hat Ende August die Frauenarbeit verlassen. Nun sucht sie eine neue Herausforderung. Foto: Steffen Giersch

Abschied mit einem lachenden und einem weinenden Auge: Landesfrauenpfarrerin Antje Hinze hat Ende August die Frauenarbeit verlassen. Nun sucht sie eine neue Herausforderung. Foto: Steffen Giersch

 
Antje Hinze ist die letzte Landespfarrerin der Frauenarbeit. Mit dem Ende ihrer Amtszeit fällt auch ihre Stelle weg. Ein Gespräch über Einschnitte und die Notwendigkeit einer Theologie für Frauen.

Frau Hinze, Ihre Zeit bei der Frauenarbeit ist zu Ende. Die Zeit der Landespfarrerinnen ist es auch, denn durch Einsparmaßnahmen fällt diese Stelle weg. Mit welchen Gedanken gehe Sie aus dem Amt?
Hinze: Es sind zwei Gedanken. Zum einen ist der Abschied ja seit anderthalb Jahren angekündigt worden – auch dass die Stelle nicht wieder besetzt wird. Ich habe mich schon lange damit getragen. Deshalb wird es Zeit, dass es endet. Das ist das eine.
Das andere ist, dass es eine sehr schöne Zeit bei der Frauenarbeit gewesen ist: was das Klima betraf, was die Arbeitsgebiete betraf und auch die Möglichkeiten, die ich hatte. Das ist nun unwiederbringlich vorbei. Das ist schade für mich – und vor allem für die Frauenarbeit. Weil unklar ist, wie es dann gehen kann ohne Geschäfts- und Personalführung durch eine Frau. Wobei man sagen muss: Bis 1994 ist es auch gegangen mit einem Mann an der Spitze. Wir hatten also gar keine lange Zeit, in der eine Pfarrerin der Frauenarbeit vorstand.

Wie geht es weiter?
Hinze: Jetzt muss die Frauenarbeit erstmal sehen, wie sie wieder Land gewinnt – oder behält. Nur die alte Arbeit reduziert weitermachen, wird nicht gelingen. Neue Schwerpunkte müssen gefunden werden. Das haben wir gemeinsam vorbereitet. Die Frauenarbeit hatte eine Supervision, wo wir gefragt haben, wie kann mit weniger Referentinnen auch in Zukunft Frauenarbeit gestaltet werden. Dazu wird es die Frauenkonferenz geben am 27. Oktober zum Thema »Reformation der Frauenarbeit«. Und es ist der Tag, an dem ich verabschiedet werde aus meinem Amt – und gleichzeitig auch die Stelle verabschiedet wird. Das sind ja zwei verschiedene Dinge. Und da legen wir auch viel Wert drauf: auf den Abschied von der Stelle der Landespfarrerin für Frauenarbeit.

Wenn es nach Ihnen nun keine Pfarrerin für die Frauenarbeit mehr gibt, was heißt das für diese Arbeit?
Hinze: Das, was Geschäfts- und Personalleitungsaufgaben sind, wird auf Karl-Heinz-Maischner übergehen als neuer Leiter des EZBB: Evangelisches Zentrum Bildung und Beratung hier auf der Tauscherstraße in Dresden. Aber dieser Titel ist noch nicht genehmigt, den haben wir beantragt. Das Konzept liegt im Landeskirchenamt.
Ich denke, diese Geschäftsdinge zu übergeben, ist nicht das Problem. Das Problem ist: Welches Profil wird die Frauenarbeit in Zukunft haben?

Vorgesehen ist eine neue Stelle für theologische Aufgaben. Was kann die­se bewirken?
Hinze: Die Besetzung der Theologisch Beauftragten für die Frauenarbeit mit 25 Prozent steht noch aus. Die Stelle hat den Vorteil, dass sie nur theologische Arbeit beinhaltet – mehr als ich jetzt theologisch schaffe. Ich habe jetzt eine 75-Prozent-Stelle und damit bin ich eigentlich mit Strukturen, Personal- und Geschäftsführung beschäftigt. Die theologische Arbeit kam bisher leider zu kurz. Die Stelle hat die Synode beantragt und die Kirchenleitung genehmigt. Damit kann die Frauenarbeit am Ende gewinnen: mit einer guten, expliziten theologischen Arbeit. Das gab es bisher so nicht. Insofern lege ich immer Wert darauf, dass es nicht nur ein Verlust ist, sondern diese 25 Prozent sind ein echter Gewinn. Diese Frau soll den Studientag begleiten. Den habe ich ja installiert. Sie wird das Rogate-Frauentreffen, die Gottesdienste vorbereiten und die Referentinnen theologisch begleiten.

Gibt es auch Lücken, die Sie hinterlassen werden?
Hinze: Eine führende Doppelspitze in der Frauenarbeit – Landespfarrerin und Landesleiterin – wird es nicht mehr geben. Die Netzarbeit, die ich in Deutschland betrieben habe, die wird es nicht mehr geben. Und die Frauenstudienfahrten, die ich gemacht habe – zuletzt nach Kuba und Indien. Ansonsten sind wir zuversichtlich, dass es auch noch Pfarrerinnen gibt, die die Frauenarbeit unterstützen. Die Arbeit als solche wird erst einmal weitergehen. Aber das Bild nach außen, das wird zuerst darunter leiden. Große Lücken wird es geben, wenn bis auf zwei Referentinnen und eine Leiterin die Stellen heruntergekürzt werden. Das wird der eigentliche Einschnitt.

Was heißt das für die Frauen in den Gemeinden?
Hinze: Die merken das ganz intensiv. Dass Referentinnen in den Frauenkreis kommen, das wird es nicht mehr geben. Wir werden Multiplikatorenschulungen anbieten. Das bedeutet weniger Angebote und weitere Wege für alle.

Warum brauchen Frauen überhaupt ein eigenes Werk in der Kirche?
Hinze: Frauen sind es in der Mehrheit, die in der Kirche in unterschiedlicher Form Verantwortung tragen, aber kaum Leitungsstellen inne haben – und Sachsen ist die erste Landeskirche, die die Stelle der Landespfarrerin abschafft. Das ist prekär. Es gibt durchaus Veranstaltungen, die wir mit Männern zusammen machen könnten. Deshalb ist es gut, dass es dieses Werk aus Erwachsenenbildung, Frauen-, Männer- und Familienarbeit geben wird. Die Exklusivität muss aufgebrochen werden. Das sieht man ja auch in den Gemeinden: Frauenkreise werden zunehmend ersetzt durch Gesprächskreise. Da kommen Männer dazu, oder es sitzen Ehepaare und Singles zusammen. Das muss sich natürlich auch in unserer Arbeit spiegeln. Aber Frauen müssen auch unter sich sein können.

Brauchen Frauen eine eigene Theo­logie?
Hinze: Wenn 2000 Jahre lang Männer die Theologie bestimmt haben, reichen nicht wenige Jahrzehnte, um frauenspezifische Aspekte einzubringen und patriarchale Sichtweisen bewusst zu machen. Deshalb habe ich den feministisch-theologischen Studientag eingeführt, um einen neuen Blickwinkel für Frauen und Männer einzuüben.

Wie geht Ihr persönlicher Weg weiter?
Hinze: Der ist noch völlig offen. Zunächst übernehme ich für sechs Monate eine Vakanzvertretung in der Kirchgemeinde Dresden-Blasewitz. Dahin bin ich abgeordnet. Ich freue mich darauf. Ich habe immer gern Gottesdienste gehalten. Und ich bin besonders gespannt auf die Arbeit im Team einer so großen Gemeinde. In dieser Zeit wird sich zeigen, wo ich mich bewerben kann.

Die Fragen stellte Christine Reuther.

Den ganzen Beitrag lesen auf: ⇒ DER SONNTAG [Sachsen]