Eine Schatzkiste für karge Zeiten


Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.
Psalm 103, Vers 2

schatztruhe

Das ist also nichts Neues mit der Vergesslichkeit: Schon der Psalmist hatte damit seine Schwierigkeiten. Was hilft nur dagegen? Bei mir ist es die altbewährte Methode des Zettels. Ich schreibe alles auf, was ich nicht vergessen darf. Schon allein, dass ich es geschrieben habe, wirkt sich günstig aus.

Doch in diesem Vers geht es ja weniger um die Alltäglichkeiten, sondern um das Wesentliche – um das, was die Seele betrifft. Was hilft da gegen das Vergessen? Eigentlich genau das Gleiche: Aufschreiben oder eine Schatzkiste anfertigen. Da tue ich alles hinein, was mir Gutes, Unvergessliches, Überraschendes, Unverdientes geschehen ist. Manchmal ist es ein Foto oder ein getrocknetes Veilchen oder eine Eintrittskarte. Was auch immer: Ich kann diese Schatztruhe nehmen und darin kramen.

Mir kommen besondere Situationen meines Lebens vor Augen beziehungsweise ins Herz, die sonst vielleicht untergegangen wären im Alltagsgetriebe. Und dann wird mir klar: Was habe ich nicht schon Schönes erlebt, was ist mir nicht alles Gutes widerfahren? Wie viel nehme ich als selbstverständlich, was es doch gar nicht ist!

»Erinnerungen sind der Nachsommer der Seele«, sagte Jean Paul einmal. Und ich möchte ergänzen: die Vorsorge für karge Zeiten. Wir können ja zum Glück nicht in die Zukunft schauen. Aber sollten kargere Zeiten kommen, ist es bestimmt nützlich, die Schatzkiste wieder mal zur Hand zu nehmen. Dann wird neu bewusst, was ER uns Gutes getan hat. Diese Selbstaufforderung zum Loben ist gleichsam eine Selbstermutigung.

Wenn wir Gott loben für das Gute in unserem Leben, ist es zugleich der Ausdruck dafür, dass er uns auch weiter begleitet – in guten wie in schlechteren Zeiten.

Angela-Beate Petzold
Angela-Beate Petzold ist Pfarrerin in der Justizvollzugsanstalt Bautzen.

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