In der Wüste der Vernunft

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Oft zählt nur die pure Vernunft. Doch der Mensch braucht das Gebet, Einkehr und Besinnung so sehr wie die Vernunft. Auch die Kirche muss ihren spirituellen Kern wiederentdecken.

Kürzlich erlebte ich eine der größten Überraschungen meines Forscherlebens. Unsere repräsentative Umfrage unter etwa 900 deutschen Psychotherapeuten zeigte: Zwei Drittel der befragten Therapeuten gaben an, schon einmal eine spirituelle Erfahrung gemacht zu haben und fanden Spiritualität wichtig. Das überraschte mich, denn ich dachte, die meisten Psychologen sind so athe­istisch wie sich unsere Kultur gibt.

Weit gefehlt – obwohl die meisten Psychotherapeuten keinen kirchlichen Hintergrund haben. Spiritualität ist also, so meine Folgerung, eine ähnlich grundlegende Konstante menschlichen Daseins wie die Sexualität. Doch was genau ist eigentlich Spiritualität?

Ich verstehe darunter ein Bezogensein des Menschen über die unmittelbaren Belange seines Ichs hinaus auf ein größeres Ganzes. Das kann etwa die Erfahrung von einer tiefen Verbindung mit anderen Menschen sein, oder mit der Natur als Ganzes – oder einer tiefen Unantastbarkeit des menschlichen Wesens und des Sinnes im Leben.

In diesem Sinne handelt Spiritualität immer von Erfahrung – das heißt, sie erfasst unser Verstehen, hat aber auch eine starke emotionale Komponente und ermutigt uns gleichzeitig zum Handeln.

Warum spielt Spiritualität dann eine so geringe Rolle in der modernen Kultur, wenn sie doch grundlegend menschlich ist? Sex-Szenen sieht man in jedem billigen Fernsehdrama. Menschen beim Beten, Meditieren oder einfach beim Einkehr-Halten zeigen, gilt als »esoterisch«. Warum ist das so? Unser aufgeklärtes Weltbild ist »wissenschaftlich informiert«. Wissenschaft hat sich seit ihren Anfängen Aufklärung auf die Fahnen geschrieben. Dazu gehört auch das Eintreten für intellektuelle Freiheit gegen die Bevormundung durch klerikale Dogmen und religiöse Lehren. Das war gut so. Sonst hätten wir keine freie Wissenschaft.

Aber leider wurde mit dem etwas schmutzigen Badewasser auch das Kind ausgeschüttet: der Kern menschlicher Religiosität, die Spiritualität. Sie wieder zurückzuholen in den gesellschaftlichen Diskurs, vielleicht zunächst im Rahmen einer gesellschaftlichen und akademischen Diskussion, ist eines meiner Anliegen.

Wie kommen wir dazu, das geistliche Leben etwas zentraler in unserer Kultur zu verankern? Dazu brauchen wir das, was der Mainzer Philosoph Thomas Metzinger »Bewusstseinskultur« genannt hat: Das bewusste Umgehen mit unserem Geist. Eine tägliche Schulung, so ähnlich wie wir ja auch tägliche körperliche Hygiene in unserer Kultur als verpflichtend ansehen.

Die einen mögen es Meditation, die anderen Kontemplation, wieder andere Einkehr, nochmals andere Besinnung nennen. Wichtig scheint mir, dass wir bewusst Momente des geistigen Beisichseins in unser geschäftiges Leben einbauen. Schon allein aus Selbstschutz: Damit uns die Informationslawine nicht zu Tode deformiert.

Solche Momente liefern auch die Grundlage für innere Erfahrungen, die die Basis für Spiritualität bieten. Früher war es die verfasste Religion mit ihren Ritualen, den Ruhepausen, den Gebeten, die den Raum für Spiritualität schufen. Heute ist oft wenig davon zu spüren. Christentum aber ist Erfahrungsreligion. Ohne Erfahrung wird es schal und hohl.

Daher wird es Aufgabe der Kirchen sein, ihren spirituellen Kern wiederzuentdecken und weiterzugeben. Die Basis dafür ist regelmässige Einkehr. Täglich. Kompromisslos. Damit würden sich auch neue Ressourcen der Einsicht auftun, und dies nicht nur für die Religion selbst, sondern für unsere ganze Kultur.

Harald Walach

Harald Walach ist Professor für Komplementäre Medizin an der Europa-Universität Frankfurt/O. Soeben erschien von ihm das Buch: »Spiritualität. Warum wir die Aufklärung weiterführen müssen.«

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