Ökumene jetzt?

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Nun soll die Einheit der beiden Großkirchen im Hau-Ruck-Verfahren hergestellt werden. Prominente Politiker wie Norbert Lammert, Wolfgang Thierse und Thomas de Maizière sowie Günther Jauch und katholische wie protestantische Theologen fordern in dem Aufruf »Ökumene jetzt!«, die Kirchenspaltung aufzuheben und eine »gemeinsame Kirche« zu schaffen. Sie wollen Nägel mit Köpfen machen, nicht kleckern, sondern klotzen. Die Vereinigung der zwei deutschen Staaten hat doch auch geklappt! Warum nicht auch die Vereinigung der Großkirchen? Fusion! Das Zauberwort der Wirtschaft soll kurzerhand auch auf die konfessionelle Vielfalt des Chri­stentums angewandt werden.

So ehrenwert das Ansinnen der ungeduldigen Promis ist, so aktionistisch, unkonkret und letztlich undurchdacht ist der Vorstoß. Denn wie soll das auf die Schnelle zusammengehen: Papst und Pfarrerin, Zölibat und Pfarrfamilie, Hierarchie und Priestertum aller Gläubigen? Der Ökumene-Aufruf ist laut, aber letztlich lau. Er müsste mindestens benennen, was mit dem größten Ökumenehindernis, dem Papstamt, geschehen soll. Soll es anerkannt werden, also die evangelische Kirche einfach der katholischen beitreten? Oder soll es abgeschafft werden?

Sobald es um inhaltliche und nicht bloß verwaltungstechnische Fragen einer Fusion zwischen evangelischer und katholischer Kirche geht, tut sich der tiefe Graben zwischen den Großkirchen auf. Dann muss auch der bitteren Tatsache ins Auge gesehen werden, dass der Papst die evangelischen Kirchen noch nicht einmal als vollgültige Kirchen anerkannt hat. Solange dies nicht geschehen ist, ist die Rede von einer Vereinigung der Kirchen auf Augenhöhe müßig. Vor dem zweiten Schritt müsste der er­ste gemacht werden: das respektvolle Anerkennen des Anderen.

Stefan Seidel

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