Ist die Kirche grün?

Die grüne Spitzenpolitikerin und Präses der EKD-Synode Katrin Göring-Eckardt auf einem Podium mit Landesbischof Jochen Bohl beim Kirchentag 2011 in Dresden.

Die grüne Spitzenpolitikerin und Präses der EKD-Synode Katrin Göring-Eckardt auf einem Podium mit Landesbischof Jochen Bohl beim Kirchentag 2011 in Dresden.

Seit die Ober-Protestantin Katrin Göring-Eckardt nach dem Spitzenamt der Grünen greift, tobt eine Debatte in der Kirche: Wie politisch darf die Kirche sein?


An ihr scheiden sich derzeit die Geister: Katrin Göring-Eckardt. Zieht die Vorsteherin der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) mit ihrer Spitzenkanditatur für die Grünen ihre Kirche in den rot-grünen Wahlkampf? Für manche bestätigt sich nun, was sie lange vermuteten: Die Kirche ist den rot-grünen Parteien zu nahe. »Die Kirche sympathisiert in der Tat eher mit der SPD und den Grünen«, meint der Leipziger CDU-Bundestagsabgeordnete und frühere Mitarbeiter des Landesjugendpfarramts Thomas Feist und vermutet dahinter soziale Imagepflege.

Diese Einschätzung teilt der ehemalige sächsische Vikar und jetzige Pfarrer der lippischen Landeskirche Hans-Immanuel Herbers. »Die evangelische Kirche ist die kirchliche Organisationsform von Rot-Grün«, sagt Herbers, der zur Piraten-Partei gehört und die enge Verflechtung der Großkirchen mit dem Staat kritisiert. Damit verlöre die Kirche ihre Freiheit.

Doch wie weit ist die evangelische Kirche in Deutschland tatsächlich rot-grün-lastig? Offiziell betont sie ihre parteipolitische Neutralität. Als Wolfgang Huber 1994 Bischof von Berlin-Brandenburg wurde, ließ er seine SPD-Mitgliedschaft ruhen. »Man muss stets versuchen, die Kirche aus parteipolitischen Zuspitzungen herauszuhalten«, meint der sächsische Landesbischof und stellvertretende EKD-Ratsvorsitzende Jochen Bohl. Denn die Kirche habe in politischen Fragen keine höhere Erkenntnis als andere, auch sie könne in ihrem Urteil irren.

Besonders die Pfarrerinnen und Pfarrer mahnt er zur Vorsicht im parteipolitischen Engagement. »Es sollte nicht zu Polarisierungen in der Gemeinde kommen«, so Bohl, der im Falle einer Parteizugehörigkeit des Pfarrers zu einem »Einvernehmen mit dem Kirchenvorstand« rät.

Tatsache ist, dass sich in allen demokratischen Parteien evangelische Christen finden. Christliche Arbeitsgruppen gibt es von den Linken bis zu den Piraten.

Ebenso ist die christliche Wählerschaft nicht mehr auf bestimmte Parteien festgelegt. Eine aktuelle Umfrage der Konrad-Adenauer-Stiftung ergab, dass heute nicht mehr gesagt werden könne: Die Evangelischen wählen SPD, die Katholischen CDU. Die Parteienunterstützung und die Konfessionen habe sich bunt durchmischt.

Es könnte sein, dass die angebliche rot-grüne Schlagseite der Kirche gar nicht existiert. Oder sich auf die evangelischen Kirchentage beschränkt. Dies ist jedenfalls die Einschätzung des Olbernhauer Pfarrers Martin Beyer, der die Festlegung der Kirchentage auf rot-grüne Forderungen beklagt. Er selbst sitzt für die CDU im Stadtrat und findet bei den konservativen Parteien eine größere Schnittmenge zwischen christlichem Glauben und politischem Programm. Etwa wenn es darum gehe, die Eigenverantwortung des Menschen zu stärken anstatt ihn einfach Leistungen der Allgemeinheit in Anspruch nehmen zu lassen.

Auch der erzgebirgische CDU-Landtagsabgeordnete Alexander Krauß sieht die evangelische Kirche – zumindest in Sachsen – nicht als linkslastig. Vielmehr sei die CDU für viele Christen attraktiv, weil sie in ihrem Parteiprogramm noch von der Verantwortung vor Gott spreche.

Für den Stollberger Heiko Reinhold, der Mitglied in der Landesarbeitsgemeinschaft »Christen bei den Grünen« ist, hat niemand das Recht, einen Alleinvertretungsanspruch für »christliche Politik« zu erheben. »Ich wünsche mir, dass sich die Christen in allen Parteien gegenseitig respektieren«, sagt Reinhold. Für ihn stehen die Anliegen des konziliaren Prozesses im Vordergrund: Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung. Dafür sollten breite Bündnisse und Allianzen eingegangen werden – vor allem auch außerhalb der Parteien.

Stefan Seidel

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