Kündigen und verkündigen

so-41

Der Rauswurf Lutz ­Scheuflers legt eine Spannung offen: Die Kirche ist eine Hierarchie, die Loyalität erwartet, – und sie ist zugleich eine Gemeinschaft von gleichen Gläubigen. Das sorgt für Reibung.
 

Der Brief, der am 7. September das Dresdner Landeskirchenamt verlässt, ist nur auf den ersten Blick eine arbeitsrechtliche Epistel. Unter der Kündigung des Jugendevangelisten Lutz Scheufler schwelt eine große theologische Frage: Was ist Kirche – und wie darf man in ihr Macht ausüben?

Diese Frage legt sich über die in Sachsen heftig geführte Diskussion um eine biblisch begründete Haltung zur Homosexualität. Als Kirchenleitung und Landessynode im Frühjahr die Pfarrhäuser einen Spalt breit für gleichgeschlechtliche Paare geöffnet hatten, erklärten kurz darauf acht Christen um Lutz Scheufler: »Den Landesbischof, die Kirchenleitung und die Landessynode erkennen wir nicht mehr als geistliche Leitung an.« Sie riefen zur Bildung einer Bekenntnissynode auf, wollten aber in der Landeskirche bleiben.

Scheufler wurde vom Landeskirchenamt suspendiert. Begründung: Er arbeite im geistlichen Auftrag der Landeskirche – wenn er deren Leitung nicht mehr anerkenne, verlasse er die Grundlage seiner Tätigkeit. Seine theologische Haltung sei nicht das Problem, hieß es aus Dresden.

»Ein staatliches Arbeitsgericht wird den Kündigungsgrund schwerlich beanstanden«, sagt Detlev Belling, Professor für Arbeitsrecht an der Universität Potsdam und Direktor des dortigen Evangelischen Instituts für Kirchenrecht. Nach einem Beschluss des Bundesverfassungsgerichts vom 4. Juni 1985 sind kirchliche Mitarbeiter einer besonderen Loyalitätsbindung unterworfen. Das Grundgesetz garantiert den Kirchen, selbst über die Maßstäbe dafür zu entscheiden.

»Eine grobe Missachtung der evangelischen Kirche und ihrer Ordnungen« kann nach den Loyalitätsrichtlinien der EKD ebenso wie ein Kirchenaustritt ein Kündigungsgrund sein. »Wenn der Mitarbeiter – und sei es aus theologischen Gründen – die Treuepflicht nicht erfüllen kann, ist seinem Dienstverhältnis die Grundlage entzogen«, sagt der Juraprofessor Detlev Belling.

Loyalität fußt auf einer festen Ordnung, einer Hierarchie. Das für lutherische Kirchen grundlegende Augsburger Bekenntnis aus der Reformationszeit geht in seinem Artikel 14 von nichts anderem aus: Niemand dürfe in Kirchen öffentlich predigen ohne ordentliche Berufung, heißt es dort.

Doch zwischen der juristischen und der geistlichen Gestalt von Kirche gibt es eine Spannung. Sie sind nicht deckungsgleich. Lutz Scheufler selbst schreibt in seiner Antwort an das Landeskirchenamt, dass er die Kirchenleitung als juristische »Geschäftsleitung der Institution« durchaus weiterhin anerkennen wolle.

Hier liegt einer der Gründe, warum die Entlassung des konservativen Jugendevangelisten so viel Aufregung verursacht. Artikel 7 des Augsburger Bekenntnisses definiert Kirche – doch nicht als Hierarchie mit Leitung, Bischof und Synode. Sondern als Versammlung aller Gläubigen, bei denen das Evangelium rein gepredigt und die Sakramente gemäß dem Evangelium gereicht werden. Das ist das einzige Kriterium. Alle Christen sind von Gott zu Priestern und Verkündigern berufen, heißt es im 1. Petrusbrief 2,9.

»Da Herr Scheufler aber nichts gegen das Evangelium sagt«, meint der Vorsitzende des Lutherischen Einigungswerkes und emeritierte Theologieprofessor Karl-Hermann Kandler aus Freiberg, »widerspricht offensichtlich seine Entlassung dem Bekenntnis«.

Wie man es auch dreht und wendet, am Grunde liegt auch hier die Frage: Was ist denn nun das Evangelium, was ist Gottes Wille? Und kann es sein, dass er sich in Aufrufe zur Kirchenspaltung kleidet – oder in Kündigungsschreiben?

Andreas Roth

Den ganzen Beitrag lesen auf: ⇒ DER SONNTAG [Sachsen]