Die wahren Gotteslästerer

Pussy_RiotSollte Gott in Sachsen-Anhalt Anstoß nehmen? Friedrich Schorlemmer jedenfalls tut es mit Verve. Und mit robustem Geschütz: Gotteslästerung! Dass von der Stadt Wittenberg ausgerechnet die russische Punkband Pussy Riot für den Lutherpreis »Das unerschrockene Wort« vorgeschlagen wurde, die ihre Kritik an der unheiligen Allianz aus Kirche und Politik in Putins Reich gerade mit reichlich Gefängnis büßt, geht dem mit einem Luther-Temperament gesegneten Schorlemmer zu weit. Ihre recht unbürgerlich derben Worte sind für ihn Gotteslästerung.

Da steht ein großes Wort im Raum. Es kommt gerade öfter. Von Muslimen genauso wie von Katholiken, es geht um Mohammed-, Papst- und Jesuskarikaturen. In dieser Reihenfolge.

Die Sache ist natürlich ernst. Gerade deshalb sollte man ein wenig genauer hinsehen. Im zweiten Gebot steht nämlich wörtlich: »Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen.«

Haben das die russischen Punk-Musikerinnen denn getan? Ihr kurzes Lied in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale ist mit Zorn getränkt darüber, wie willfährig die russisch-orthodoxe Kirche ihr goldenes Mäntelchen um Putins Regime legt. Taktvoll ist Zorn nie. »Der Patriarch glaubt an Putin«, riefen sie. »Besser sollte er, der Hund, an Gott glauben.« Zu krass, zu respektlos?

Bei den Propheten des Alten Testa­ments lässt sich noch Derberes über religiöse und politische Führer lesen. Hier wie dort geht es um die Vergötzung von Macht, von menschlichen Wünschen. Mit anderen Worten: um den Missbrauch des Namens Gottes. Es geht den Musikerinnen, fromm gesprochen, um Umkehr. Die wahren Gotteslästerer sind andere. Auch die Propheten mussten diese Wahrheit teuer bezahlen.

Andreas Roth

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