Zerstörerisches Zerrbild

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Auf ein Mohammed-Schmähvideo reagierten Muslime mit gewalttätigem Protest. Diese Bilder machen Angst. Ist der Islam feindselig oder friedliebend?
 

Brandschatzende Muslime vor westlichen Botschaftsgebäuden. Diese Bilder der letzten Wochen sind eine Botschaft: Muslimische Gläubige kämpfen gegen den Westen – mit allen Mitteln. Doch ebenso gibt es friedliche Proteste gegen das umstrittene Video, mit Plakaten, auf denen steht: »Islam heißt Frieden«.

Nachhaltiger wirken jedoch die Gewaltbilder: Mehr als 70 Prozent der Deutschen verbinden den Islam mit Fanatismus – das ergab eine Umfrage der Universität Münster. Lediglich fünf Prozent der Ostdeutschen glauben, dass der Islam tolerant und friedfertig ist.
Es waren die Terroranschläge vom 11. September 2001, die die unterschwelligen Ängste vor dem Islam massiv an die Oberfläche gespült hätten, so der Initiator der Umfrage Detlef Pollack. Die Bereitschaft, sich ein differenziertes Bild vom Islam zu machen, sei seitdem eher zurückgegangen, sagt der Religionssoziologe.

Doch wieweit entspricht das Bild vom fanatisch-gewaltbereiten Islam der Wirklichkeit? Die Bonner Islamwissenschaftlerin Christine Schirrmacher betont, dass die in den Medien gezeigten muslimischen Gewalttäter keine Zerrbilder, sondern Realität sind. »Allerdings darf man nicht vergessen, dass es 1,4 Milliarden Muslime weltweit gibt, von denen die Mehrzahl friedlich lebt«, ergänzt sie.

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CDU) traut dem Frieden nicht. Er möchte einer »islamistischen Radikalisierung von Jugendlichen und jungen Menschen entgegentreten«. Dazu wirbt er derzeit mit einer Postkarten-Kampagne für die »Beratungsstelle Radikalisierung«, bei der sich Freunde und Angehörige muslimischer Fanatiker melden sollen.

Doch genau diese Postkarte, kritisiert der Zentralrat der Musilime in Deutschland, schüre nur wieder die einseitigen Voruteile. Denn es sind junge muslimische Extremisten im Stil einer Vermisstenanzeige abgebildet. Dadurch werde das Feindbild Islam genährt, was das Zusammenleben nicht einfacher mache.

Angst vor dem Islam gibt es auch in Sachsen, obwohl hier kaum Muslime leben. »Wir haben zu wenige Muslime unter uns«, sagt Harald Lamprecht, Weltanschauungsbeauftragter der Landeskirche und ergänzt: »So können die Ängste ungebremst wuchern und nicht durch Begegnung mit lebenden Menschen abgebaut werden.«

Ihm ist es wichtig, den Islam nicht über einen Kamm zu scheren: »Es gibt nicht den einen Islam, genauso wenig wie es das eine Christentum gibt.« Gewaltbereite muslimische Kreise dürften nicht unterschätzt, aber auch nicht für die Mehrheit gehalten werden.

Auch der umstrittene Imam der Leipziger Al-Rahman-Moschee Hassan Dabbagh, der zur salafistischen Richtung des Islam gehöre, spreche nur für eine kleine Minderheit der Muslime in Sachsen, betont Lamprecht. Dass gerade Hassan Dabbagh immer wieder zu Talkshows eingeladen wird, findet er problematisch. »So wird einmal mehr das Zerrbild vom radikalen Islam in den Medien inszeniert«, klagt Lamprecht, der nach einem Gespräch mit Dabbagh sagte: »Von Muslimen, die hier leben und sich engagieren, ist eine deutlich positivere Grundeinstellung zu unserer demokratischen Ordnung einzufordern.« Gleichwohl betont Lamprecht, dass der Leipziger Imam nicht zur Gewalt aufrufe.

Weder ein idealisiertes Bild vom Islam, noch ein verzerrt-radikales Bild sei hilfreich für das Zusammenleben, meint Christine Schirrmacher. Sie plädiert dafür, mit der Islam-Angst offen umzugehen. »Es hilft nicht, Menschen mit solchen Ängsten in die rechte Ecke zu drängen«, sagt sie und fordert eine sachliche Gesprächskultur.

Offenheit im Umgang miteinander wünscht sich auch Harald Lamprecht: »Wir sollten den Muslimen offen und herzlich begegnen, sie zu Freunden machen. Wie sollten sie sonst unseren Glauben attraktiv finden?«

Stefan Seidel

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