Saat des Misstrauens


Martin Kupke untersuchte das Wirken von SED und Stasi im Kirchenbezirk Meißen.

Martin Kupke hat sich durch tausende Seiten von SED- und Stasi-Akten gelesen – und nun ein Buch verfasst über die Bespitzelung der Kirche im Kirchenbezirk Meißen. (Foto: Steffen Giersch)

Martin Kupke hat sich durch tausende Seiten von SED- und Stasi-Akten gelesen – und nun ein Buch verfasst über die Bespitzelung der Kirche im Kirchenbezirk Meißen. (Foto: Steffen Giersch)

 Der Gegenwind, mit dem evangelische Christen zu DDR-Zeiten in Meißen zu kämpfen hatten, kam nicht nur aus einer Richtung. Davon ist Martin Kupke überzeugt. Und deshalb hat der 75-jährige promovierte Theologe, bis 1999 Oschatzer Superintendent, nicht nur mehrere tausend Seiten Stasi-Akten gelesen, sondern sich auch in die Materialien vom Rat des Bezirkes Dresden, dem Rat des Kreises Meißen und der SED-Kreisleitung vertieft. »Für alle politischen Entscheidungen war in der DDR die SED verantwortlich. Sie war dem MfS übergeordnet und legte die Richtlinien fest«, betonte er bei der Buchpremiere vor etwa 150 Zuhörern im voll besetzten Saal des Meißener Rathauses.

Es sei die Idee von SED-Bezirkssekretär Hans Modrow gewesen, den wütenden Bürgern Anfang Dezember 1989 die Stasi als Sündenbock auszuliefern, um selbst ungeschoren davonzukommen. »Das funktioniert leider bis heute«, sagt Kupke. Sein Buch, entstanden auf Anregung des Meißener Superintendenten Andreas Stempel, heißt »SED und MfS im Kirchenbezirk Meißen« und bietet die staatliche Sicht auf die Kirche.

Besonders streng unter Beobachtung war außer Superintendentur und kirchlicher Jugendarbeit auch die Evangelische Akademie Meißen, vor allem aber das von Pfarrer Rudolf Albrecht 1975 begründete Meißener Friedensseminar. Institutionen und Initiativen also, die Bedeutung für die gesamte Landeskirche besaßen. Dort schmuggelte die Stasi mehrere Spitzel ein, um Informationen zu sammeln, die es irgendwann ermöglichen sollten, Organisatoren und Teilnehmer vor Gericht zu bringen. Informationen, mit denen Misstrauen gesät und die Kirchenleitung gedrängt werden sollte, die Organisatoren zurückzupfeifen.

Die Geschichten von zehn Inoffiziellen Mitarbeitern (IM) im Kirchenbezirk Meißen stellt der Autor mit ihren Decknamen so dar, wie sie aus den Akten zu rekonstruieren sind. Hinzu kommen weitere sieben, die aus anderen Regionen Sachsens nach Meißen geschickt wurden. Für Martin Kupke sind sie nur die letzten, schwächsten Glieder einer Kette. »In den Akten machen sie einen unglücklichen Eindruck. Diese Täter waren auch Opfer. Sie wurden psychisch krank, hatten Eheprobleme, verfielen dem Alkohol. Von ihren Auftraggebern in der SED ist das nicht bekannt.«

Der genaue Blick ermöglicht es ihm, zu differenzieren, Widersprüche nachzuzeichnen – auch paradoxe Vorgänge. Etwa, dass Menschen, von der Stasi zum Aushorchen in Gemeinden und christliche Arbeitskreise beordert, auf einmal angesichts des achten Gebots in Konflikt zwischen ihrem geheimen Auftrag und ihrem Gewissen gerieten.

Tomas Gärtner

Martin Kupke: SED und MfS im Kirchenbezirk Meißen.
Leipziger Universitätsverlag, 244 S., 29,00 Euro.

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