Nur die Schrift? Nur Christus!

ranach-Altar der Wittenberger Stadtkirche

So wie Luther ringen wir noch immer um das Verstehen der Bibel – in der Debatte um Homosexualität bricht ein altes Problem neu auf.
 

Die Sache scheint festgefahren. Aussichtslos. Schließlich geht es im Streit um homosexuelle Partnerschaften unter Sachsens Protestanten um nichts Geringeres als das: Wahrheit. Die einen halten drei Stellen der Bibel hoch, in denen homosexuelle Praktiken verurteilt werden – und sehen jedes Abweichen davon als Abweichen von Schrift und Bekenntnis.

Naja, sagen dagegen die Unterstützer einer Öffnung für gleichgeschlechtliche Paare, die ganze Bibel gilt schon – nur muss man sie von ihrer Mitte her lesen: Von Jesus Christus, von einem liebenden und vergebenden Gott her. In seinem Licht seien manche harte Verbote aus einer alten Zeit anders zu deuten.

Beide Seiten lesen die Bibel. Und lesen sie doch anders.

Wie kann es sein?

Die Frage ist nicht neu, sie ist sogar eine sehr alte Frage. Sie brach auf zum Beispiel an einem Tag vor gut 2600 Jahren in Jerusalem. Ein Mann namens Jeremia stürmte in den Jerusalemer Tempel und stellte tatsächlich die Opfergesetze in Frage, die doch ausdrücklich in der Thora des Alten Testaments als Gottes Wille stehen: »So spricht der Herr Zebaoth, der Gott Israels«, rief Jeremia. »Ich habe euren Vätern und dem Tag, als ich sie aus Ägyptenland führte, nichts gesagt noch geboten von Brandopfern und Schlachtopfern. Sondern dies habe ich ihnen geboten: Gehorcht meinem Wort« (Jeremia 7).

Jeremia ging es um die inneren Werte: wahren Glauben, Recht und Gerechtigkeit. Nur waren für die Priester gerade die Opfergesetze Gottes verbindliches Wort – es steht ja geschrieben. Beide Seiten beriefen sich auf die Heilige Schrift. Der Streit war heftig.

Die moderne Wissenschaft der Hermeneutik hat mit ihrem Besteck die Fäden des Missverstehens zu entwirren versucht. In Wahrheit nämlich geht es oft gar nicht um Missverständnisse – sondern nur um verschiedene Wege des Verstehens. Wie ein und derselbe Text aufgefasst wird, hängt nicht nur vom Inhalt oder dem Autor ab. Auch der Leser selbst beeinflusst, was er liest. Je nach theologischer Perspektive, eigener Lebenserfahrung, seelischer Stimmung, sozialer Stellung und Offenheit für die Botschaft sieht man die Bibel anders.

In dieses Dickicht hat Paulus eine Schneise geschlagen: »Der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig« (2. Korintherbrief 3). Das Evangelium von einem liebenden und vergebenden Gott soll die Brille sein beim Verstehen der Bibel. Nur die Schrift zählt, meinte Luther – aber zugleich: Nur Christus.

In den Jahrhunderten nach der Reformation wurde die Situation freilich etwas unübersichtlich. Theologen gruben die Bibel redlich wissenschaftlich nach ihrer historischen Wahrheit um und ließen kaum einen biblischen Stein auf dem anderen. Parallel zum Aufstieg einer immer verworrener werdenden Moderne wuchs der Wunsch nach Einfachheit und Klarheit.

Im Pietismus und unter evangelikalen Chri­sten in den USA begann man, die Bibel anders zu lesen: Alles in ihr als ewig gültig und gleich wahr – ob nun die Erschaffung der Welt in sechs Tagen oder das Verbot von Homosexualität. Differenzieren gilt als Zeitgeist. Denn die Heilige Schrift sei Wort für Wort vom Geist Gottes inspiriert.

Ist sie das etwa nicht? Die Propheten Jesaja und Ezechiel berufen sich bei ihrer Botschaft auf den Geist Gottes, Jesus verspricht ihn seinen Jüngern – und sie erhalten ihn, um das Evangelium zu verkünden (Apostelgeschichte 2). Doch es ist auch der Geist Gottes, der in den Lesern der Bibel erst das rechte Verstehen schafft (1. Korintherbrief 2).

Was bleibt, ist das Wagnis, sich auf ihn einzulassen und die Heilige Schrift mit seinen Augen zu sehen.

Es geht um die Wahrheit. Aussichtslos aber ist bei Gottes Geist nichts.

Andreas Roth

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